Angies Kolumne: Bilder aus der Vergangenheit

Angies Kolumne: Bilder aus der Vergangenheit

Zausel (Name nicht geändert)

In meinem Flur habe ich vor vielen Jahren eine Art Bildergalerie gehängt. Menschen sind darauf zu sehen, die damals Teil meines Lebens waren. Eigentlich sagt man ja, man stellt Fotos oder Bilder auf zur Erinnerung an Menschen, die nicht mehr da sind. Ich fand das immer zu eng gedacht. Ich wollte einfach täglich die sehen, die mir am Herzen liegen, für die ich wichtig bin.

Heute sind diese Freunde noch immer an meiner Wand aufgereiht und grüßen mich jeden Tag, auch wenn wir nicht ständig in telefonischem oder persönlichem Kontakt stehen.

Mit einigen ist dies sowieso nicht mehr möglich. Sie haben mich entweder tatsächlich bereits verlassen, ich meine, sie haben sich für immer von mir und dieser Welt verabschiedet, oder wir haben uns verloren. Andere sind noch da mit all ihren durch ein langes Leben entstandenen menschlichen Veränderungen und gesundheitlichen Einschränkungen. Wir sind alt geworden, wir alle. Eine Unendlichkeit gibt’s nicht mehr. Alles wird jeden Tag ein Stückchen endlicher, da rückt uns etwas auf die Pelle, dem wir nicht mehr ausweichen können. Nicht gedanklich und nicht real. Aber es ist die neue Realität. Wir nehmen sie an.

Im Moment leben wir „in Zeiten von Corona“. Ich mag diese inzwischen von Politik und fast allen Medien so lapidar übernommene Floskel nicht. Natürlich gab es schon immer „in Zeiten von“: In Zeiten von Pest, in Zeiten von Cholera, in Zeiten des Krieges, in Zeiten des Aufschwungs.

Trotzdem leben wir nicht in Zeiten von Corona. Wir haben dieses Virus auf der Welt, ja, es ist eine Pandemie. Aber momentan hoffen wir alle, dass bald oder überhaupt ein Impfstoff dagegen gefunden wird. Und dann kann dagegen vorgegangen werden. Sollte dies nicht gelingen, werden wir mit dem Virus leben müssen. Aber auch dann leben wir nicht „in Zeiten von Corona“. Wir müssten einfach anders leben, bewusster wahrscheinlich. Dieser Virus ist da und könnte zum ständigen Teil unseres täglichen Lebens werden, also irgendwie den Status von Normalität einnehmen.

Aber ich bin unbeabsichtigt von meiner Hauptstraße auf einen Abzweig geraten, weil ich mich zurzeit noch viel in meiner Wohnung aufhalte, und das hat eben auch mit Corona zu tun. Heute z.B. blieb ich an meiner „Galerie“ stehen und machte mir zu jedem Foto Gedanken. Tausendmal bin ich daran vorbei gegangen, ohne dies zu tun. Wenn Corona etwas Positives bewirkt, dann vielleicht dies: Wir alle haben plötzlich Zeit bekommen, über uns und die Prioritäten unseres Lebens zu reflektieren. Wann haben wir dies das letzte Mal getan? Ich weiß es nicht so genau. Und so stehe ich vor den Bildern meiner Freunde und lasse „unsere gemeinsame Zeit“ Revue passieren.

Da ist Werner, ein besonderer Mensch, mein innigster Freund und Vertrauter. ‚Er war ein erfolgreicher, streng kalkulierender Geschäftsmann, dabei aber ein Vollblutästhet und überaus sensibel. Seine Welt war das Kunsthandwerk. Er hatte den Blick und das Gefühl für Schönes, Wertvolles, Zerbrechliches. Diese Dinge umgaben ihn in seinem exquisiten Laden, er liebte sie. Wenn er sie verkaufte, das war schließlich sein Job, tat er es mit Herzblut. Werner hatte immer Zeit für mich. Es gibt ihn nicht mehr. Viel zu früh musste ich mich von ihm verabschieden.

Da ist Beate (Name geändert), eine wunderbare Freundin, seit über 30 Jahren. Durch sie, die wesentlich ältere, habe ich mich kennen gelernt, meine Schwächen und Stärken erkannt, habe einen toleranteren Blick auf meine Mitmenschen bekommen, bin dadurch gereift und auch ein Stück klüger geworden. Beate kämpft seit langem ums Überleben, sie ist stark aber auch unendlich müde. Ihr Geist ist wach und intellektuell wie immer. Ihr Körper versagt mehr und mehr seinen Dienst. Jetzt bin ich ein Halt für sie. So ändern sich die Fronten. Auf dem Bild zeigt sie sich mir in der reifen Blüte ihrer späten Jahre. Da hatte sie noch Träume.

Daneben hängt das Bild von Doris (Name geändert). Doris ist Malerin. Nicht von Berufs wegen, sie malt für sich und manchmal auch für gute Freunde für einen kleinen Obolus. Ihre Kreativität war unerschöpflich. Eine innige Freundschaft verband uns und auch unserer beider Kreativität über viele Jahre. Das Leben spielt manchmal nicht mit. Unsere Freundschaft zerbrach. Ich habe erfahren, dass Doris sehr krank ist, schon lange. Ich weiß nicht, ob sie noch malt, ich weiß nur, dass es sie noch gibt. In meiner Erinnerung bleibt das Gute in unserer gemeinsamen Zeit.

Ja, und dann hängt da ein wunderbares Bild, gemalt von Doris. Es stellt meinen kleinen Hund dar. Ich weiß, ich sprach von Menschen, die mir wichtig sind. Es sei mir bitte erlaubt, auch diesen treuen Kameraden dort einzureihen. 16 Jahre begleitete er alle Höhen und Tiefen meines Lebens, gab mir Kraft durchzuhalten, Freude in manchmal schwierigen, auch traurigen Zeiten. Wer jahrelang mit einem Tier lebte, weiß, wovon ich spreche. Zausel (Name nicht geändert) ist vor 24 Jahren in den Hundehimmel geflogen, Ich weiß nicht, ob ich ihm all das geben konnte, was er mir gab. Können Menschen so bedingungslos lieben? Ich lasse diese Frage im Raum stehen.

Die anderen drei gerahmten Menschenfreunde weilen noch auf dieser Erde. Wir haben uns im Blick und erfreuen uns unserer jahrzehntelangen Freundschaft.

Bilder aus der Vergangenheit – unvergessen – in der Realität und in Gedanken.

lth

 

 

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