Gegen das Vergessen

Gegen das Vergessen

„Omas gegen Rechts“


Am 27. Januar 2022 wurde wieder auf vielfache Weise im Rahmen des Internationalen Holocaust-Gedenktages an die Opfer des Nationalsozialismus gedacht. So fanden nachmittags auch in Berlin-Steglitz zwei Kranzniederlegungen statt, eine davon an der Spiegelwand auf dem Hermann-Ehlers-Platz.

Dort wurde an diesem Tag auch wieder der übliche Wochenmarkt abgehalten, der donnerstags immer etwas länger dauert. Und so war wie sonst auch die Spiegelwand von Marktbuden umgeben, nur die Seite mit den Kränzen wurde etwas großzügiger freigeräumt. Als ich eine knappe halbe Stunde vor dem Termin dort eintraf, lagen bereits Kränze an der Spiegelwand und weitere Blumen wurden von einzelnen Besuchern abgelegt. Überwiegend ältere Menschen trafen nach und nach ein, manche kannten und begrüßten sich. Einige schienen sich aus Vereinen wie OMAS GEGEN RECHTS oder Silbernetz e.V. zu kennen und weitere natürlich von der Initiative Haus Wolfenstein, wie man die ehemalige Steglitzer Synagoge auch nannte, in deren Gedenken die Spiegelwand errichtet wurde.

 

Edith an der Spiegelwand

 

Mir fiel eine ältere Dame mit Rollator auf, die in Gedanken versunken an der Spiegelwand stand. Ich fasste mir ein Herz und sprach sie an. Fragte sie, ob sie vielleicht Familienangehörige durch den Holocaust verloren hatte oder einfach nur aus Überzeugung vor Ort ist, damit sich so etwas nie wiederholt. Nein, meinte Edith, deren Namen ich kurz darauf erfuhr, durch den Holocaust hatte sie niemanden verloren. Aber ihre Eltern waren Widerstandskämpfer und ihr Vater hatte die Zeit ebenso nicht überlebt. Er war kurz nach der Heimkehr geschwächt an Krankheit gestorben, da war sie zwei Jahre alt. Und so etwas wie der Nationalsozialismus dürfe sich nie wiederholen. Ich war beeindruckt, dass auch diese Frau immer noch aktiv gegen das Vergessen auf die Straße ging.

Gegen 15:45 Uhr trafen dann Maren Schellenberg, Bezirksbürgermeisterin von Steglitz-Zehlendorf, und der Rabbiner Shmuel Segal vom Jüdischen Bildungszentrum Chabad Lubawitsch an der Spiegelwand ein. Nach einer weiteren Kranzniederlegung und einer kurzen Ansprache von Frau Schellenberg rezitierte der Rabbi das jüdische Gebet El male rachamim (Gott voller Erbarmen) in Gedenken an die Shoah (hebräischer Begriff für den Holocaust). Bei seinem traurigen Gesang wurde es mucksmäuschenstill und ich glaube, ich war nicht die Einzige, die plötzlich Tränen in den Augen hatte.

 

 

Nach dieser kleinen Zeremonie ergaben sich hier und da Gespräche, inzwischen trugen alle wieder einen Mund-Nasen-Schutz. Ich wechselte ebenfalls noch ein paar Worte und verließ dann die Spiegelwand, um noch ein Stück die Düppelstraße hochzulaufen. Nicht weit, nur bis zu einem großen Eckhaus mit der Hausnummer 32. Auf der breiten Gehsteigfläche davor befinden sich elf Stolpersteine, die größte Ansammlung, die ich bisher an einer Stelle gesehen habe. Auch hier wurden heute zum Gedenken zwei weiße Rosen und eine Kerze hinterlassen. Ich studierte die Namen und Daten auf den Gedenksteinen, wobei mich die Daten der jungen Familie Ruhl besonders bewegt haben. Wenn die Eltern und Kinder nicht zu Jahresanfang geboren wurden, dann waren Harry, Liselotte, Zilla und Denny bei ihrer Deportation am 12.1.1943 gerade mal 27, 25, 4 und 2 Jahre alt. Alle wurden in Auschwitz ermordet. Ich bog heimwärts in die Kieler Straße ein, als ich auf eine Ansammlung von fünf weiteren Stolpersteinen mit einer abgelegten weißen Rose stieß. Drei der ehemaligen Bewohner des Hauses Nr. 5 wurden 1942 deportiert und im Warschauer Ghetto ermordet. Die beiden anderen wurden nach ihrer Deportation 1941/42 in Riga ermordet.

 

 

In meine Trauer und Scham über das ungeheure Verbrechen in der Vergangenheit mischte sich Wut über manche Geschehnisse der Gegenwart. Wie kann es nur angehen, dass vielerorts wieder ein Anstieg von Judenfeindlichkeit zu beobachten ist und erneut Verschwörungstheorien gegen Juden Verbreitung finden? Und wie kann es sein, dass der Holocaust von manchen Menschen immer noch geleugnet oder verharmlost wird und vielen gar nicht klar zu sein scheint, was damals Schreckliches passiert ist? Hier ist scheinbar noch viel mehr Aufklärung an den Schulen und in der Gesellschaft nötig. So wie es weiterhin Gedenktagen wie am 27. Januar jeden Jahres bedarf, für die Opfer und gegen das Vergessen.

 

Text & Fotos von
Heidemarie Kück

 

 

 

 

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