Erweiterungen und Reflexionen zur Theorie der sozialen Skulptur

Erweiterungen und Reflexionen zur Theorie der sozialen Skulptur

Soziale Plastik im Kieztreff, Foto von Chao Li

 

Anmerkung der Redaktion: Xiaoyu Tang ist Studentin der Universität der Künste in Berlin und lebt in Steglitz. Sie verfasste einen Essay über die Thematik der sozialen Plastik. Zur Zeit arbeitet sie mit ihrer Kommilitonin Rebecca Dantas an einem sozial-künstlerischen Projekt zum Thema Rassismus. In diesem Rahmen fand am 22.08.22 im Kieztreff in Lichterfelde-Süd ein Event statt. Dies war ein Workshop, um Geschichten aus der Gesellschaft vor Ort zu sammeln, indem gemeinsam Kuchen gebacken wurde. Hierbei handelte es sich um eine konzeptionelle Entwicklung der Sozialen Plastik, die wir in vielen sozialen Räumen nutzen und mitgestalten können.

Skizze einer Entwicklung: von ‚7000 Eichen‘ zum ‚S27-ARRIVO‘

In diesem Aufsatz möchte ich eine Entwicklung skizzieren, die in einer Weiterentwicklung der Sozialen Plastik zu einem gesellschaftlichen Wandel führt bzw. geführt hat, welcher auch die Struktur klassischer Aktivismus-Projekte verändert hat.

Da es in meinem Vortrag auch um künstlerische Intenventionen im öffentlichen, sozialen und medialen Raum geht, habe ich einige exemplarische Kunstprojekte ausgesucht. An diesen möchte ich einen Strukturwandel in den Kunstprojekten der 1980er bis 1990er Jahren aufweisen. Dieser Wandel hat sich bis heute fortgesetzt. Die soziale Plastik hat sich in eine Kunst verwandelt, die in partizipativer Praxis die soziale Veränderung fördert.

Der Grund, warum dieses Thema diskutiert werden sollte, ist, dass wir als Künstler*innen oder soziale Institution nur in einem konkreten sozialen Raum ermitteln können, wie man durch künstlerische Interventionen die Gesellschaft effektiver und nachhaltiger neukonstruieren und verändern kann.

Der Hauptteil des Textes beschäftigt sich mit den Veränderungen und der Entwicklung der künstlerischen Praxis von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart. Im wichtigsten Teil werde ich mich auf die Frage fokussieren, wie aktuelle Kunstprojekte im sozialen Raum realisiert werden. Meine Argumentation wird die 7000 Eichen von Beuys, den Gesundheitsbus von 1993 in der Übergangszeit und das aktuelle ARRIVO-Projekt von S27 behandeln.

Mein Text besteht aus drei Teilen:

1. Erläuterungen zur Entstehung und zur Definition der Sozialen Plastik und zum 7000-Eichen-Projekt.

2. Beobachtungen und Fragen zur Veränderung und zur Entwicklung der künstlerischen Praxis von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart:
– Wer waren bzw. sind die Initiator*innen, Teilnehmer*innen, Partner*innen?
– Welche Methoden der Kunstproduktion sind entwickelt worden?

3. Fazit: Kunst sollte sich in verschiedenen sozialen Räumen abwickeln. Es geht um Vorstellungen von möglichen zukünftigen Entwicklungen der Kunstpraxis im sozialen Raum.

1. Erläuterung zur Entstehung und zur Definition der Sozialen Plastik und zum 7000-Eichen-Projekt.

1.1 Die soziale Plastik

Zunächst möchte ich über das Konzept der sozialen Plastik von Joseph Beuys sprechen. In Umkehrung der Begriffe kann man tatsächlich im Sinne Beuys von einer plastischen Gesellschaft sprechen, was für den Einstieg in sein Konzept wichtig ist.

Normalerweise versteht man unter „ Plastik“ ein physisches, dreidimensionales Objekt, das aus verschiedenen Materialien bestehen kann. Im engeren Sinne beinhaltet der Begriff Plastik Modellierbarkeit, Formbarkeit.[1] Sie entsteht in einem aufbauenden Verfahren. Plastiken im traditionellen Sinn stehen im privaten oder im öffentlichen Raum. Die traditionellen Funktionen: semantische, ästhetische/dekorative und Erinnerungsfunktion (Denkmal). Plastiken sind immer ‚in situ‘ (Raum einnehmend).

Auf Basis des erweiterten Kunstbegriffs von Beuys entstand jedoch die viel diskutierte Konsequenz aus der ‚Sozialen Plastik‘: „Jeder Mensch ist ein Künstler “ , die Joseph Beuys erstmals 1967 im Rahmen seiner politischen Aktivitäten äußerte.[2] Im Gegensatz zum Konzept einer eher formalen Ästhetik erfasst der von Joseph Beuys verbreitete Kunstbegriff menschliches Verhalten (die Natur des Menschen) (s.Anthropologische Erkenntnistheorie)[3] und richtet die Aufmerksamkeit auf soziale Strukturen und gesellschaftliche Veränderung. Alle sollen das Leben sozial und kreativ mitgestalten, insbesondere trifft das die Politik, Wirtschaft und unserer Beziehung zur Natur.

Durch den Prozess, in dem immer mehr Menschen miteinander kommunizieren und Aktionen gemeinsam gestalten, können die Menschen ihre Beziehungen ständig verändern. Daher kann man auch sagen, dass die soziale Plastik eher eine fließende und unsichtbare Form als eine statische Form ist.(s. Fluxusbewegung[4]).

Hier ein Verweis auf die Chronologie: Beuys gründete auf der 5.Documenta 1972 die Organisation für direkte Demokratie; 1979 kandidierte er als Mitglied der Grünen für das Europäische Parlament; Außerdem gründete er die Deutsche Studenten Partei (DSP)1967 und auf der 6.Documenta 1977 die Freie Internationale Universität (FIU), um die gesellschaftliche Veränderung voranzutreiben. An diesen Aktionsarbeiten können wir eine Änderung erkennen, die darin besteht, dass Kunst nicht mehr auf die physischen Ergebnisse beschränkt ist, die in Museen oder Galerien ausgestellt werden, sondern auch Ideen voranbringt und dadurch die gesamte Gesellschaft anspricht/adressiert.

1.2 7000-Eichen-Projekt

Hinter der Forderung nach sozialer Plastik steht auch die Hoffnung, dass Kunst als interdisziplinäre Sprache in Bezug auf bestehende Umweltthemen zwischen Natur und Mensch vermitteln kann.

7000 Eichen ist ein öffentliches Kunstprojekt, das Joseph Beuys für die 7. Documenta 1982 entworfen hat. Zusammen mit Freiwilligen begann er in Kassel Eichen zu pflanzen, neben denen jeweils eine Basaltstele platziert war. Dabei handelte es sich um eine sehr weitreichende, lange dauernde Intervention, die darauf abzielte, urbane Lebensräume nachhaltig zu verändern. Beuys selbst bezeichnete dies als soziale Plastik. Es wurde erst 1987 fertiggestellt.

„Ich wollte ganz nach draußen gehen und einen symbolischen Beginn machen für ein Unternehmen, das Leben der Menschheit zu regenerieren innerhalb des Körpers der menschlichen Gesellschaft, und um eine positive Zukunft in diesem Zusammenhang vorzubereiten.“ –JOSEPH BEUYS IN FERNANDO GROENER, ROSE-MARIA KANDLER: 7000 Eichen. [5]

Dieses Projekt zeigt den Transformationsprozess von der traditionellen zu der sozialen Plastik in anschaulicher Weise. 7000 Eichen hat die Beziehung zwischen Bewohner*innen und natürlichen Lebensräumen verändert, und diese Plastik wird weiter wachsen und sich verändern.

2. Beobachtungen und Fragen zur Veränderung und zur Entwicklung der künstlerischen Praxis von den 1980er Jahren bis in die Gegenwart

Ich denke, dass das von Beuys vorgeschlagene Konzept der sozialen Plastik im Sinne einer grundlegenden Methodik verstanden werden kann und soll: Offene, fließende Strukturen, (sozial-)räumliche und zeitliche Entwicklungen und Potential für Veränderung.

Abschließend muss man aber feststellen, dass diese Aktion uns zwar eine Methode aufgewiesen hat, aber letztlich in der Sphäre der Kunst/des Ästhetischen verblieben ist und nur am Rand von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde.

Wie aber kann Kunst die realen sozialen Räume erfassen und gestalterisch intervenieren?

Sehen wir uns an, wie sich künstlerische Aktionen seit den 1990er Jahren verändert haben. Mit dem ersten Projekt im Jahr 1993 gelang es der WochenKlausur, die medizinische Versorgung von Obdachlosen in Wien sicherzustellen. Das erste Experiment wurde auf Einladung der Kunstinstitution „Wiener Secession“ durchgeführt. Das Team der WochenKlausur wollte zeigen, dass Kunst pragmatisch in den Alltag eingreifen und soziale Defizite abbauen kann. Finanziert wurde das Projekt durch Akquirierung von Unternehmen, die Werbung auf dem Fahrzeug platzieren konnten. Das Auto wurde dann von der WochenKlausur zu einer mobilen Klinik umgebaut. Seitdem werden monatlich rund 700 Menschen in dieser mobilen Klinik behandelt.[6]

Dieses Projekt entwickelt das Konzept der sozialen Plastik weiter. Es verwendet effektive, nachhaltige und direktere Methoden, um sozialen Gruppen zu helfen. Es arbeitet mit verschiedenen Organisationen zusammen, um die Finanzierung abzuschließen. Der Projektablauf erfordert keine (redundanten) Konzepte und Erläuterungen mehr.

Die Quelle der Struktur dieses Projekts sind nicht mehr visuelle oder politische Informationen/Konzepte, sondern die Bedürfnisse des Publikums, die von den Künstler*innen und sozialen Organisationen in der Kooperation zum Ausgangspunkt gemacht werden.

Wir können sie als „New Genre Public Art“ bezeichnen (s.Lacy,Suzanne), oder auch als partizipative Kunst (s.Astrid Wege). Kunst in diesem Sinne sollte sich als Dienstleistung verstehen. Ein klarer Wandel im Selbstverständnis der Künstler*innen (s.Alfred Nemeczek).[7]

Wenn die öffentliche Kunst (bzw. Kunst im öffentlichen Raum) in den 1990er Jahren eine weitere Entwicklung der sozialen Plastik war und eine gesellschaftliche Veränderung mit sich mitgebracht hat, dann sind die heutigen kunstbezogene Aktivitäten noch viel diverser und nachhaltiger im Sinne der gleichen gesellschaftlichen Veränderung. Zum Beispiel das Arrivo Berlin Übungswerkstätten. Dieses Projekt stammt aus einem langfristigen Projekt von S27, hauptsächlich für die Ausbildung von Geflüchteten, die Rekrutierung von Firmen und die Handwerksausbildung von geflüchteten Frauen. Die »Schlesische27«, jetzt »S27 – Kunst und Bildung«, basiert seit ihrer Gründung Anfang der 1980er auf der Idee, mit jungen Menschen besondere, von der Kunst inspirierte Projekte zu machen.[8]

Ich denke, die Methoden und Konzepte der Kunst zur Förderung der gesellschaftlichen Veränderung (social change) haben sich in den letzten dreißig Jahren strukturell verändert. Ich konnte die drei Projekte — 7000 Eichen 1982,Gesundheitsbus 1993 und Arrio Berlin Übungswerkstätten — in dieser Weise vergleichen und dabei die oben genannten Fragen anwenden.

Auch mit dem Einsatz von Schlüsselbegriffen[9] für partizipative Interventionen kämen wir zu ergiebigen Vergleichen:

Initiator*innen und Partner*innen sind Künstler*innen, soziale Organisationen, oder öffentliche Institutionen; Teilnehmer*innen sind Gemeindebewohner, Obdachlose oder Flüchtende, aber z.B. auch Personalvermittlungsunternehmen; Partner*innen sind lokale Regierungen, Kulturbüros, Wohltätigkeitsorganisationen, private Unternehmen oder andere soziokulturelle Institutionen. Gleichzeitig nutzen sie unterschiedliche Medien und Szenen in unterschiedlichen Räumen. Im öffentlichen Raum gibt es beispielsweise Pflanzaktionen (7000 Eichen), oder es werden mobile Gesundheitsbusse als soziale Plastik eingesetzt, und Öffentlichkeitsbeteiligung findet auf den Straßen statt. Im sozialen Raum setzt sie eher auf die Zusammenarbeit sozialer Institutionen, sowie auf die Vermittlung von Beziehungen zwischen Gemeinschaften, zwischen Gemeinschaften und Einzelpersonen, sowie zwischen Gemeinschaften und Regierungsbehörden. Sozialer Raum kann in jedem Bereich existieren, solange er von Institutionen oder Kollektiven oder Gemeinschaften organisiert wird. Die Themen und Interventionsmethoden dieser Projekte umfassen: konzeptionelle Umwandlung traditioneller Funktionen von Denkmälern in der Stadt; Organisation medizinischer Dienstleistungen, Mobilitätshilfe in öffentlichen und sozialen Räumen; konzentrierte kostenlose Schulung/Ausbildung für bestimmte soziale Gruppen in sozialen Räumen.

Durch diesen Vergleich können wir schließlich auch die intendierten Veränderungen von Denkperspektiven erfassen. Wie Beuys sagte, hat Kunst in jedem Bereich einen Platz. Sie kann in unterschiedlichen Kontexten und zu unterschiedlichen gesellschaftlichen Themen intervenieren und Positionen entwickeln helfen: in städtischen Laboratorien, bei der Obdachlosenarbeit, zu Fragen der Gemeinschaftsidentität, der Staatsbürgerschaft und zur Interkulturalität, zu Antidiskriminierung, in psychotherapeutischen Situationen usw…

3. Fazit

Die oben skizzierte Entwicklung der Kunst in den letzten 30 Jahren macht deutlich:

– Es gibt keine vereinheitlichende Ästhetik mehr. – Künstlerische Aktionen basieren auf interdisziplinären Fragestellungen.

– Kunst im öffentlichen, sozialen oder medialen Raum versteht sich als Medium zur Förderung der gesellschaftlichen Veräderung (social change).

– Als Künstler*innen haben wir die Verantwortung, einzugreifen, zu vermitteln und daran teilzunehmen.

– Wir sollten auch darüber nachdenken, wie wir akzeptiert werden und wie wir die Öffentlichkeit direkter einbeziehen können.

Ich denke, die zukünftige Entwicklung sollte in diese Richtung gehen und neue Möglichkeiten experimentell entwickeln. Kunst sollte ihren Platz in verschiedenen Bereichen haben. Bei der Konzeption der zukünftigen Entwicklungen der künstlerischen Praxis sollten diese ihre Relevanz für den sozialen Raum in den Blick nehmen. Wenn man die S27-Webseite öffnet, sieht man die aktiven Projekte, an denen sie gearbeitet haben, und das Archiv der abgeschlossenen Projekte, sowie die Hotline-Registrierungstelefonnummer und die gültigen E-Mail-Informationen. S27 beschäftigt sichausschließlich mit der sozialen Plastik und gestaltet dabei die Gesellschaft.Ich denke, dies ist der zukünftige Ansatz für die Kunst, ein direkterer und effektiverer Weg, um die Gesellschaft in eine positivere Richtung zu bringen und zu fördern.

 

Xiaoyu Tang
Universität der Künste Berlin

 

 

 

Zitate:

[1] F. Kluge; E. Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24. Aufl. Berlin, New York 2002: de Gruyter, ISBN 3-11-017473-1, Stichwort Skulptur.

[2] Wolfgang Zumdick: Joseph Beuys als Denker. PAN/XXX/ttt, Sozialphilosophie – Kunsttheorie − Anthroposophie, Mayer, Stuttgart, Berlin 2002, S.12

[3] Scholl,Mareen: Soziale Plastik 48 Stunden Neukölln ,2012, <http://magazin.cultura21.de/piazza/texte>, S.21-22(06.08.2021)

[4]Hans Belting: Das unsichtbare Meisterwerk: Die modernen Mythen der Kunst. C. H. Beck, 2001, ISBN 3-406-48177-9, S.455,2+455,3

[5] Fernando Groener, Rose-Maria Kandler (Hrsg.): 7000 Eichen. König, Köln 1987, ISBN 3-88375-068-9, S.15f.

[6] WOCHENKLAUSUR: Medizinische Versorgung Obdachloser, Wien, Wiener Secession, 1993, <https://wochenklausur.at/projekt.php?lang=de&id=3>(13.09.2021)

[7] Lacy,Suzanne: MAPPING THE TERRAIN New Genre Public Art, Washington 1995.ISBN 0-941920-30-5, s.19

[8] Schlesische27: Arrivo Berlin Übungswerkstätten, Berlin 2021, <https://www.s27.de/portfolio/arrivo/>(18.09.2021)

[9] Tang,Xiaoyu: Der Vortrag für THEY: LIVE – student lives revealed through context-based art practices – an EACE Project. Künstlerische Intenventionen im öffentlichen, sozialen und medialen Raum, UDK Berlin-IFKIK 10.2021

Literaturverzeichnis:

  • Lacy,Suzanne:MAPPING THE TERRAIN New Genre Public Art,Washington 1995.ISBN 0-941920-30-5.
  • Scholl,Mareen: Soziale Plastik 48 Stunden Neukölln,2012, <http://magazin.cultura21.de/piazza/texte> (06.08.2021)
  • Bosch Susanne/Theis Andrea: CONNECTION:Artists in Communication,in:Zeischegg,Francis: Art Forms of Communication in Social Space of Action,Ulster 2012 ,S.6-17.
  • Feldhoff, Silke: Zwischen Spiel und Politik-Partizipation als Strategie und Praxis in der bildenden Kunst, UDK Berlin 2009.

 

 

 

 

 

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