Ein Knast für die Freiheit der Kunst

Ein Knast für die Freiheit der Kunst

Blick nach oben im Lichthof von „The Knast“

 

Ein ehemaliger Knast, der nun als Stätte der Kunst und Kultur für queere Ausstellungen und Veranstaltungen dienen soll? Diese Kombination macht neugierig und so stattete ich dem ehemaligen Frauengefängnis am Karfreitag einen Besuch ab.

Das massive Gebäude in der Soehtstrasse 7 in Lichterfelde wurde 1902 bis 1906 errichtet und diente ab Mitte der Fünfziger Jahre für 30 Jahre als Frauengefängnis, bevor es Mitte der 80er bis zum Jahr 2010 zu einer JVA mit offenem Vollzug wurde. Danach stand es leer und wurde gelegentlich als Filmkulisse, z.B. für „Babylon Berlin“, „4 Blocks“ oder die Hollywood-Produktion „The Monuments Men“ von und mit George Clooney genutzt. Im April 2016 übernahm Jochen Hahn das denkmalgeschützte Gebäude und nutzte es unter dem Namen „Soeht 7“ für Lesungen und Ausstellungen. Seit 2017 erschaffen nun der neue Besitzer Dr. Joachim Köhrich, Unternehmer und Geschäftsführer der Places Prime GmbH, und seine Partnerin Janina Atmadi, Location Concierge und Geschäftsführerin der „The Knast“ GmbH & Co. KG, unter einem erweiterten Konzept eine einzigartige Location für Kunst und Kultur.

Inzwischen findet eine Zusammenarbeit mit Lars Deike, Kurator und Gründer des Ateliers „prideART“, das jetzt vom Ostkreuz nach Lichterfelde in „The Knast“ umgezogen ist, statt.  Für die LGBTQIA+ Kunst wurde unter dem Projekt „The Knast meets Pride Art“ vom 13.-18.04.2022 ein weiteres Kunstevent mit der Ausstellung „PRIMAL MATTER“ für die Öffentlichkeit veranstaltet. Tagsüber konnte man bei freiem Eintritt die ausgestellte Kunst an den Wänden der Gänge und in den Zellen bewundern, während an den Abenden besondere Vorstellungen überwiegend gegen Eintritt angeboten wurden.

 

Janina Atmadi nahm sich bei meinem Besuch freundlicherweise etwas Zeit, um mich durch die Räumlichkeiten zu führen. Mir war klar, warum der Zutritt für die überwiegend erotische Kunst „ohne Tabus“ erst ab 18 Jahren war, aber die Altersbeschränkung hat auch bauliche Gründe. Bei der Sanierung muss ständig ein Spagat zwischen Denkmalschutz mit hohen Bauauflagen (Fluchtwege, Brandschutz, etc.) und eigenen Vorstellungen geschafft werden und so können die letzten Arbeiten voraussichtlich erst gegen Jahresende abgeschlossen werden. Doch auch nach Beendigung sämtlicher Bauarbeiten bleibt es aufgrund der baulichen Gegebenheiten bei der Zugangsbeschränkung nur für erwachsene Besucher*innen.

In einer der Zellen überraschten wir Lars Deike „bei der Arbeit“. Da wurde schnell noch ein Bild nachfixiert, bevor er gut gelaunt mit Janina Atmadi zusammen für ein Foto posierte. Überhaupt empfand ich die ganze Atmosphäre dort als überaus freundlich. Manche Besucher fielen mir durch besondere Kleidung oder Aufmachung ins Auge und wenn ich sie ansprach, wurden meine neugierigen Fragen lächelnd beantwortet und fotografieren war auch okay. So fand ich z.B. die Erscheinung von „Schwester Dimont“ recht faszinierend, die farbenfroh durch die Gefängnisgänge rauschte. Was für ein toller Kontrast! Ich hatte von ihrem „Orden der Schwestern der Perpetuellen Indulgenz“ noch nie gehört, der ehrenamtlich universelle Freude bereiten will und dabei Spenden für Menschen sammelt, die von HIV und Aids betroffen sind (mehr unter www.indulgenz.de).

Aber das Publikum war scheinbar nicht nur queer, sondern eher querbeet. Soll heißen, es waren z.B. auch ältere Ehepaare im Knast unterwegs, die ich eher in einem bürgerlichen Kunstmuseum vermutet hätte. Diese bunte Mischung hat mir auch besonders gut gefallen, besser sogar, als wenn nur spezielles Szenepublikum vor Ort gewesen wäre. Für mich war das wieder ein schönes Zeichen, dass Kunst auch vereinen und Menschen zusammenführen kann, die sich sonst nicht treffen würden.

 

Die ausgestellten Werke waren fast ausschließlich Bilder, die mit Hilfe unterschiedlicher Techniken (von Ölgemälden bis Fotos) erstellt wurden. Viele zeigten erotische Motive, aber es gab auch andere Werke, die auf mich eher surrealistisch und/oder philosophisch wirkten oder mich einfach zum Lachen brachten, wenn mir z.B. Elon Musk als Lederboy von der Wand entgegen grinste. Auffällig und faszinierend fand ich auch eine mitgenommen wirkende schwarze Skulptur, die wie ausgebrannt auf der Stufe eines Treppenaufgangs thronte und aus der diverse Gliedmaßen von Barbie-Puppen ins Freie drängten. Als ich Lars Deike nach ihrer Bedeutung fragte, meinte er lächelnd, sie bedeutet das, was ich in ihr sehe. Noch besser, denn meine Fantasie begann schon zu rotieren. Nur als er dann meinte, sie würde jetzt vorrangig als „Besucherstopp“ auf den Treppenstufen nach oben dienen, da mussten wir beide herzhaft lachen.

Während nun einige Künstler nach und nach die Zellen als kleine Ateliers und Ausstellungsfläche nutzen können, werden Besuche außerhalb von Events zunächst nur weiterhin bei ausdrücklicher Terminvereinbarung mit Kaufinteresse bei einem Künstler über Pride Art möglich sein. Es wird sich aber lohnen, die Homepages von „The Knast“ (https://theknast.de/), die in Kürze aktualisiert wird, und prideART (https://de.prideart.eu/) im Auge zu behalten, wo bald noch weitere Ausstellungen und Events angekündigt werden könnten. Und bei berlinweiten Aktionen wie z.B. dem Tag der Architektur (25./26. Juni) oder dem Tag des offenen Denkmals (10./11. September) steht das Zellengebäude interessierten Besuchern auch wieder offen.

 

Text & Fotos:
Heidemarie Kück

 

 

 

 

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