Marquis de Sade in Steglitz – Steglitz als Filmkulisse für Jess Franco

Marquis de Sade in Steglitz – Steglitz als Filmkulisse für Jess Franco

Soledad Miranda als Eugénie Radeck de Franval in Eugénie de Sade (Franco, Jesús: Eugénie de Sade [Film] Liechtenstein: Marius Lesoeur, Karl Heinz Mannchen, 1973

 

Der Name des Marquis de Sade ist vielen nur noch als Namensgeber des „Sadismus“ bekannt oder wird als Pornograph – ausserhalb der akademischen Debatten – rezipiert. Seinen Ruf begründeten Werke wie Justine, Juliette und Philosophie im Boudoir; die vor allem durch Pasolinis Verfilmung rezipierten 120 Tage von Sodom erschienen erst posthum. Weit weniger sadistisch als in jenen Romanen geht es in seinen, unter dem Titel Verbrechen der Liebe veröffentlichten Novellen zu. Die bekannteste Erzählung hieraus ist die von Eugénie de Franval, in der sich auch autobiographische Aspekte wiederfinden.

Jene Erzählung nahm der Regisseur Jess Franco, ein bekannter Vertreter des Genres des Sexploitationfilms, 1973 als Vorlage für einen Erotikfilm – Eugénie de Franval (nicht mit seiner Philosophie im Boudoir-Verfilmung Eugénie de Sade aka. Die Jungfrau mit der Peitsche), der französisch-liechtensteinische Koproduktion entstand. Mehr als eine Handvoll Filme basierend auf Novellen Sades verfilmte er in jenen Jahren – meist sehr frei gegenüber der eigentlichen Literaturgrundlage. Auch bei der ansonsten wenig beachteten Novelle Eugénie de Franval, die ursprünglich in der Sammlung Verbrechen der Liebe erschien, verhielt es sich so.

Die ursprüngliche Geschichte ist schnell erzählt: Es geht wie auch bei anderen Novellen des Marquis de Sades um das Scheitern der Tugend – dargestellt an der (inzestiösen) Beziehung zwischen Valmont de Franville und seiner Tochter Eugénie.

Den in Frankreich spielenden Plot verlegte Jess Franco in das zeitgenössische Steglitz, wo er als Regisseur das mörderische Duo auch besucht. Statt französischer Châteaus gibt es hier den Bierpinsel und den Steglitzer Kreisel zu sehen.Verkörpert wurde Eugénie dabei von der spanischen Flamenco-Tänzerin und Sängerin Soledad Miranda, ihren Vater spielt der vor allem in italienischen Produktionen mitspielende Schweizer Paul Muller.

Aus der Geschichte heraus ergeben sich keinerlei Anknüpfungspunkte für die Wahl des Berliner Bezirks Steglitz als Kulisse. In den mit ihm geführten Interviews und auch Publikationen über ihn ist dieser, vielleicht marginale Aspekt seines Schaffens nicht weiter beleuchtet. In den meisten Rezensionen bleibt der Ort der Handlung sowieso unbenannt.

Man kann also nur spekulieren, warum das Steglitz der 1970er Jahre als Kulisse für jenen Horror-Sex-Trash gewählt wurde. Vielleicht hatte es der kurz zuvor erbaute Bierpinsel in der Schlossstraße mit seiner, für die damalige Zeit sehr modernen Pop-Architektur dem Regisseur angetan? Oder war es der Ruf des Bezirks mit seiner Villenkolonie Südende, der die richtige Ambiente für eine Adaption des Stoffes bot? Vielleicht geht es ihm aber auch um das dialektische Spiel zwischen Ost- und Westberlin. Ostberlin wird im Film markant durch den Fernsehturm symbolisiert, was Steglitz (neben Aufnahmen vom Kudamm) als ein Zentrum Westberlins erscheinen läßt. Es bleiben aber reine Spekulationen…. und der Streifen ein trashiges Filmvergnügen.

Ein (expliziter) Filmausschnitt findet sich auf youtube unter: https://www.youtube.com/watch?v=LSYgnGthHKU.

Die Buchvorlage Verbrechen der Liebe liegt beim Merlin Verlag als ungekürzte Studienausgabe in deutscher Übersetzung vor.

 

 

 

Dr. Maurice Schuhmann
Website: https://www.maurice-schuhmann.de
Autorenseite bei FB: https://www.facebook.com/Dr.phil.Schuhmann
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Anm. d. Red.
Dr. Schuhmann ist promovierter Politikwissenschaftler
und Autor des philosophiegeschichtlichen Städteführers
Geistreiches Berlin und Potsdam“ (Bäßler Verlag 2021).

Der Städteführer ist erhältlich über:
https://www.baesslerverlag.de/p/geistreiches-berlin-und-potsdam

 

 

 

 

 

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