Vor vielen Jahren sang Rudi Carell: „Wann wird’s mal wieder richtig Sommer, ein Sommer wie er früher einmal war? Ja, mit Sonnenschein von Juni bis September und nicht so nass und so sibirisch wie im letzten Jahr.“ Historie! Im letzten Jahr? Lieber nicht daran denken. Warum auch, wir steckten ja diesmal wieder drin in der „Wüsten-Sahara-Hitze“.

Nun gibt es immer auch Menschen, die scheinbar Afrika-Gene in sich tragen. 40 Grad? Herrlich. In kniekurzen Cargo-Hosen, knappen T-Shirts, Flip-Flops an manchmal ungepflegten, winterrauen, nackten Füßen – so ergehen sich manche bar jeder Hemmung in Stadt, Supermarkt und Öffis. Trotz spärlicher Bekleidung nicht minder transpirierend als appetitlich sommerlich Gekleidete, was bei mir immer leichte Berührungsängste erzeugt.

Ach ja, und dann sind da die Anderen, die kreislaufgebeutelt und schlapp den Abend, ach was sag ich, den Herbst mit Kühle herbeisehnen. Unverstanden und blasshäutig, weil sonnenscheu, versuchen sie den Sommer zu überleben. Ok, ich oute mich, ich gehöre leider zu letzterer Fraktion. Meine volle Sympathie gehört demgemäß natürlich: Island. Island geht, Island ist in diesen Hitzewellen mein Traumreiseziel. Warum bin ich nicht dort? Warum sitze ich in Steglitz und leide? Warum darf man keine Split-Klimageräte in Mietwohnungen einbauen, warum kommt nicht endlich erfrischender Regen. Warum, warum, viele Fragen, keine befriedigenden Antworten. Dafür eine Badewanne mit kaltem Wasser für die Beine, Schüssel mit kaltem Wasser für die Füße, nasse, kalte Lappen für den Kopf, die Wasserflasche in Symbiose mit den Händen und trotzdem viel zu heiß. So versuchte ich zu überleben. Wir stecken im Klimawandel, kein Zweifel mehr daran. Jemand sagte mir in dieser Tage: Was heißt hier Hitzewelle, das ist jetzt der normale Sommer. Nix mit Welle, Dauerzustand. Wir können also auch Afrika. Im TV berichtete ein Mensch, in Holland bestreuen sie die Straßen mit Salz gegen die Hitze. Und fügte dann lakonisch hinzu: Auf jeden Fall ist die hiesige (holländische) Stadtreinigung sicher, dass sie in absehbarer Zeit keinen Winterdienst benötigt. Ups, ein Scherz? Nein, hilfloser Zynismus.

Doch nun genug des Jammerns, auch die Menschen, die sich im Extremsommer total wohlfühlen, haben starke Argumente: Laufen können wie ein Wiesel, keine schmerzenden, knacksenden Gelenke, nirgendwo. Das randvolle Vitamin D-Depot im Körper reicht für den ganzen Winter, also keine porösen Knochen in Sicht. Keine hässlichen weißen Käsebeine, auch etwas in die Jahre gekommene Rest-Haut erstrahlt in knackigem Braun (wer guckt da noch nach Falten). Und vor allem befreit von lästigen dicken Klamotten, alles frei, luftig und leicht. Was uns aber alle eint und Leidende entschädigt: diese herrlichen lauen Abende umsonst und draußen bis spät in die Nacht hinein. Behausungen sind momentan eindeutig überbewertet.

Inzwischen ist ja der moderate Sommer mit angenehmen Temperaturen zurückgekommen. Da höre ich schon wieder Menschen nörgeln: Wo bleibt denn die Sonne, sollte das etwa der Sommer gewesen sein? Und nein, es gibt ihn eben nicht, den Wetterschalter zum Umlegen, watt‘n Glück!

Und sollte Afrika doch noch einmal rüber schwappen: Ich stelle dann mein mobiles Klimagerät an, greife nach Schal und Jacke gegen die Zugluft und wünsche jedem für die nächsten zwei Monate den Sommer, den er haben möchte: nass und sibirisch oder eben afrikanisch – er kann halt alles, dieser Tausendsassa!

Angelika Lindenthal