Petition: Unternehmen fordern Reaktivierung der Goerzbahn

Petition: Unternehmen fordern Reaktivierung der Goerzbahn

VT 605 017 des Advanced TrainLab auf der Fahrt von Lichterfelde-West nach Schönow am 10. Februar-2021, Bild: AG Märkische Kleinbahn

 

In einer Mischung aus Hilferuf und Verbreitung einer innovativen Idee setzen sich die Unternehmen des Goerzwerks für ein besseres öffentliches Verkehrsnetz am südlichen Stadtrand ein.

Es ist für ein Unternehmen ein ungewöhnliches Vorgehen: Mit einer Petition, eigentlich eine Beschwerdemöglichkeit für einzelne Bürger oder eine Gruppe, machen die Goerzwerke auf das Defizit der unzureichenden verkehrlichen Erschließung ihres Standortes aufmerksam: In der Eingabe heißt es: „Dorthin führende Straßen, wie der Dahlemer Weg und der Teltower Damm, sind einspurig. PKWs und LKWs stehen dort oft gleichermaßen im Stau und die wenigen Busverbindungen entsprechen in keiner Weise dem Standard einer pulsierenden Metropole. Der Radius von Carsharing-Unternehmen spart die Goerzallee aus.“

Hier, am südlichen Ende der Goerzalle, zuckelt der 285er Bus pflichtschuldig von Steglitz nach Dahlem durch ansonsten sehr mäßig mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossenes Gebiet. Der Doppeldecker ist oft überfüllt und verspätet, derzeit vor allem bedingt durch die Baustellen am Hindenburgdamm. Wer vom S-Bahnhof Zehlendorf kommt, kann auch mit dem X10er fahren, muss aber in Richtung Gewerbegebiet am Beeskowdamm in den 285er umsteigen.

Die schlechte Verkehrsinfrastruktur entwickelt sich zunehmend zum Standortnachteil. In der Petition heißt es: „Viele ansässige Betriebe suchen händeringend nach qualifiziertem Personal. Doch gerade die ungenügende Verkehrsanbindung macht das Arbeitsumfeld für potentielle Mitarbeitende unattraktiv, erschwert den Unternehmen das Recruiting und damit auch ein gesundes Wachstum. Erste expandierende Firmen sehen sich bereits gezwungen, ihren Sitz Richtung Stadtzentrum zu verlegen.“

 

Dampf auf der Goerzbahn, Die Berliner Runde bereist regelmäßig Industriebahnen in Berlin. Bild: AG Märkische Kleinbahn

 

Um welche Unternehmen es sich konkret handelt, möchte Kommunikationschefin Anusch Guyenz nicht sagen. „Ein großer Photovoltaik-Anbieter aus unserem Netzwerk verlässt schweren Herzens die Goerzallee und zieht in Werk- und Büroflächen in zentraler West-Lage“, so die Pressesprecherin des Goerzwerks. „Alleine hier reden wir von 70 interessanten Fachkräften, die nun unserer Gegend abhandenkommen.“ Entwicklungen wie diese, so die Sorge, bremse ein gesundes Wachstum von Firmen, die sich hier im Südwesten niedergelassen haben. „Potentielle neue Mitarbeitende, die im Innenstadtbereich wohnen, scheuen oftmals den Arbeitsweg nach Lichterfelde, weil sie nicht ein passendes modernes Verkehrskonzept vorfinden“, so Guyenz. Für das Industriegebiet sei durch derlei Abwanderungen mittelfristig ein Imageschaden nicht ausgeschlossen.

Die Petition, sagt Anusch Guyenz, sei der Versuch, dem Thema neuen Schwung zu geben. Viele der 120 Unternehmen, die seit 2015 dem 100 Jahre zuvor gegründeten Goerzwerk neues Leben einhauchen, wünschen sich bereits seit geraumer Zeit eine Reaktivierung der Goerzbahn. Unterstützung finden sie auch bei Entscheiderinnen und Verantwortlichen in Politik und Verwaltung. Im Herbst letzten Jahres kam das Thema ebenfalls zur Sprache, als Wirtschaftssenator Stephan Schwarz dem Eigentümer des Goerzwerks, Silvio Schobinger, einen ersten Besuch abstattete. „Der Senator zeigte sich sichtlich interessiert an dieser Idee“, resumiert Anusch Guyenz.

Bei den Handelnden vor Ort im Bezirk Steglitz-Zehlendorf wird intensiv über die Verkehrswende nachgedacht. Der „Regio-Talk“, eine Veranstaltungsreihe des Bezirksamtes, befasste sich zuletzt mit der „Mobilität der Zukunft“ – vor rund 100 Gästen warben die eingeladenen Experten vor allem für das Zurückdrängen von PKWs zugunsten des Fahrrades, wie es aus einer zusammenfassenden Mitteilung hervorgeht. Es ging um Radrouten, Lastenräder und Pop-up-Radwege – denn: „Die Sättigung der Straßen mit Blech stößt an ihre Grenzen.“

 

Lokomotive MKB 01 macht sich auf den Weg nach Lichterfelde West, Bild: AG Märkische Kleinbahn

 

So sinnvoll der Ausbau des städtischen Radwegenetzes auch erscheinen mag, er löst jedoch das Problem an der Goerzallee nicht. Die Idee eines Radweges über den Dahlemer Weg, die einige grüne Politiker im Bezirk favorisierten, sei nicht zu Ende gedacht, so Pressesprecherin Guyenz. Außerdem ginge es im Falle ihres Unternehmensstandortes um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die beispielsweise in Friedrichshain wohnen und in Lichterfelde arbeiten. „Wenn man zwei Stunden mit den Öffentlichen oder dem eigenen Auto zur Arbeit unterwegs ist, ist das Fahrrad keine Alternative.“

Die Idee der Goerzwerker: „Ein elektrisch betriebener, autonom fahrender, „on demand“ nutzbarer Schienenbus könnte die knapp acht Kilometer-Strecke vom Rathaus Steglitz via S-Bhf. Lichterfelde West bis zur Goerzallee, bzw. die vom S-Bhf. Lichterfelde West rund drei Kilometer, in kurzer und gemessener Zeit erschließen und wieder Personen befördern.“ Ihre Petition schlägt zudem zwei Haltestellen am Dahlemer Weg vor sowie „die Entwicklung eines Gleisparks Zehlendorf-Süd, der den Wald an der Wupperstrasse ebenso einbezieht wie den Museumsstandort Märkische Kleinbahn/ZEUHAG und damit verkehrliche Erschließung, Dokumentation von Geschichte und Naturschutz miteinander verbindet.“

Personenverkehr auf der Strecke der Goerzbahn wäre ein Schritt zurück in die Zukunft. Zwar war die Bahn nie Teil des öffentlichen Verkehrsnetzes, transportierte aber ab 1919 die Arbeiter der „Optischen Anstalt C.P. Goerz“ vom Bahnhof Lichterfelde zu ihren Werkstätten in Schönow. Die Züge hatten 8 bis 11 Wagen und erreichten eine Geschwindigkeit von 45 km/h. Ab 1945 wurde der Personenverkehr eingestellt.

Gegründet wurde die Zehlendorfer Eisenbahn- und Hafen-AG (ZEUHAG) im Jahr 1904 zunächst als Pferdebahn, Dampfloks gab es ab 1915, sie waren bis 1966 im Einsatz. Nach dem Krieg wurden auf der Strecke nur noch Güter transportiert, seit 2018 ist auch dieser Verkehr eingestellt.

 

Goerzbahn Verkehr vor 2018, Bild: AG Märkische Kleinbahn

 

Seit 1981 betreibt der Verein „Märkische Kleinbahn“ im ehemaligen Lokschuppen ein Museum. Von März bis Oktober lassen sich diverse teilweise betriebsfähige Eisenbahnfahrzeuge bestaunen, die jährlich im September zum Tag der offenen Tür auch in Aktion zu erleben sind.

Eine sehr spezielle Sonderfahrt fand im Februar 2021 statt. Die Deutsche Bahn schickte ihr „Advanced Train Lab“ auf die Strecke. Das „Labor auf Schienen“ ist ein Triebzug der ICE-Baureihe 605, die bis 2017 im Einsatz war. Die rund 100 Meter langen Züge haben einen Elektro- und einen Dieselantrieb, sind also auf allen Strecken einsetzbar. Ihr Innenleben ist voller modernster Technik, mit denen sich unterschiedlichste Versuchsreihen durchführen lassen.

Unter anderem wird seit Anfang 2019 der Siemens „Mainline Assistant“ im Rahmen des Siemens-Programms „Assistiertes und führerloses Fahren für Tram und Mainline” getestet. Der Mainline Assistant kann das Auffahren auf Prellböcke oder Hindernisse im Gleis verhindern und soll perspektivisch das teilautomatisierte Fahren zum Ab- und Bereitstellen von Zügen möglich machen, so beschreibt es die Deutsche Bahn auf ihrer Internetseite.

Das Engagement der Deutschen Bahn zeigt, dass die Idee vom autonom fahrenden Goerzzug keine verzweifelte Idee einiger Lichterfelder Unternehmen ist, die vor einigen Jahren eine ungünstige  Standortentscheidung getroffen haben. Im Gegenteil, eine Reaktivierung der Strecke zur Erprobung einer innovativen Verkehrstechnik ist eine Idee, die in Fachkreisen ernsthaft erwogen wird.

Die Bitte an „die politischen Entscheidungsträger im Land Berlin und im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, dieses Vorhaben zu unterstützen und dazu beizutragen, dass zeitnah ein Bahnbetrieb über die Goerzbahn zwischen Rathaus Steglitz und der Goerzallee wieder aufgenommen wird“ unterstützten am 29. Januar, acht Tage nach dem Start der Petition, bereits 287 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner. In 105 Kommentaren äußern die Bürger ihre Beweggründe. Darunter erkennbar Menschen, die im Goerzwerk arbeiten, aber auch Anwohnerinnen und Anwohner.

„Ich bin Unternehmer im Goerzwerk und mein Personal hat mit der Anbindung sehr zu kämpfen. Auch zusätzliches Personal lässt sich am Standort nur schwer finden, wegen der schlechten Anbindung“, schreibt Michael Klein, Gründer und Geschäftsführer eines IT-Unternehmens. „Ich wohne dort und würde davon profitieren“, meint Gwendolin Fischer, und auch Vera Sikes sagt: „Diese Verkehrsanbindung ist wichtig für den Dahlemer Weg und die angrenzenden Wohngebiete.“

 

VT 605 017 des Advanced TrainLab und Lok MKB 01 im Bahnhof Schoenow am 10. Februar 2021, Bild: AG Märkische Kleinbahn

 

Auch die Lokalpolitik lässt mitten im Wahlkampf die Gelegenheit nicht aus, ihre Position zur Kenntnis zu geben: „Die Verkehrswende wird nur durch mehr schnellen und zuverlässigen Schienenverkehr gelingen. Die wenigsten Arbeitnehmer möchten täglich mit dem Fahrrad zur Arbeit pendeln. Autos und Busse produzieren Stau. Daher sollte der Schienenverkehr unbedingte Priorität genießen und jeder verfügbare Meter Gleis genutzt werden!“ – formuliert das SPD-Mitglied Roman Gerhardt. Zustimmung signalisiert auch Christian Goiny, Mitglied der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus: „Die Goerzbahn erschließt ein wichtiges Gewerbegebiet und Wohnquartiere mit der Schiene und verbindet diese mit dem Rathaus Steglitz!“

Die Goerzwerker haben ihr erstes Ziel, eine Debatte anzustoßen, schon erreicht. Es könnte also spannend bleiben im südlichen Lichterfelde.

Die Petition:

Reaktivierung der Goerzbahn für Personenverkehr zum Industriestandort Görzallee

Wir bleiben dran und laden ein:
Teilen Sie Ihr Wissen, begründen Sie Ihre Meinung – Gastbeiträge sind uns immer willkommen. Wir freuen uns über Ihren Beitrag zur Goerzbahn!
Kontakt: redaktion[at]stadtrandnachrichten.de

 

 

Daniela von Treuenfels

 

 

 

 

3 Kommentare

  1. Ich würde eine Aktivierung der Görzbahn befürworten. Es sollte aber auch wirtschaftlich möglich sein, wobei zuküftige Entwicklungen zu berücksichtigen sind.

  2. In den ketzten Jahren wurden so viele Klein und Anschlussbahnen stillgelegt.Die Goerzbahn,auf der ich selbst einige Jahre zum bedienen von einigen Firmen gefahren bin,muss unbedingt erhalten bleiben,auch wegen der Existenz der Museumsbahn.
    R.Grandjean

  3. Statt einem teuren Umbau für den Personenverkehr würden mehr Leute profitieren, wenn man die Schienen abreißt und an deren Stelle einen Fahrradschnellweg baut. Dann würden die Radfahren im Dahlemer Weg auch nicht mehr den Autofahrern in die Quere kommen. Zudem würde ein Radweg nicht nur den Mitarbeitern im ehemaligen Görzwerk zugute kommen, sondern allen Anwohnern nützen. Zudem sorgt ein Radweg nicht für zusätzliche Lärmbelästigung, ganz im Gegensatz zum Schienenverkehr.

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Radweg Unter den Eichen: Desaster mit Ansage

[caption id="attachment_104266" align="aligncenter" width="622"] Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]   Eine Radwegeanlage wird zurückgebaut. Die Verantwortlichen müssen sich den Vorwurf gefallen lassen, Verkehrsteilnehmer bewusst gegeneinander aufgebracht zu haben. Das Ergebnis ist ein verkehrspolitischer Stillstand. Wer mit der Gegend um den Kreisel, Schloßparktheater und Gutshaus Steglitz vertraut ist, konnte ahnen, dass die Sache mit dem Radweg schiefgeht. Der Verkehr, der sich hauptsächlich von der Autobahn 103 und zu einem geringeren Teil aus der Schloßstraße und zu einem noch geringeren Teil aus dem Wolfensteindamm in Richtung der Straße Unter den Eichen ergießt, staute sich schon immer an der Kreuzung Schloßstraße/Hindenburgdamm. Weil Abbieger die linke Spur blockieren, fädeln sich die geradeaus Fahrenden in die rechte Spur ein, der Verkehr staut sich. Auf dem aktuellen Luftbild bei Google Maps ist das zu erkennen. Als im Jahr 2022 die Berliner Verkehrsverwaltung unter der Leitung der Grünen Bettina Jarasch auf die Idee kam, den Radverkehr ab der Straße Am Fichtenberg vom ihrer Ansicht nach nicht sicheren gemeinsamen Geh- und Radweg auf die Straße zu verlagern, musste klar sein: Nach der Staustelle an der Kreuzung würde nach nur 200 Metern eine weitere Engstelle entstehen. Um einen Rückstau in den Stoßzeiten bis an den Wolfensteindamm zu vermeiden, wäre eine naheliegende Überlegung gewesen, das Linksabbiegen in den Hindenburgdamm (in Höhe der Braillestraße) zu verbieten. Diese Option wurde jedoch nie geprüft, wie die Senatsverwaltung auf Anfrage bestätigt – weder bei der Planung, noch in den folgenden Jahren. Ziel war es damals, für mehr Sicherheit beim Radverkehr zu sorgen. „Der schlechte bauliche Zustand des Radweges mit den Wurzelaufbrüchen im Bereich des Radwegs ist eindeutig zu erkennen“ lautete der Befund. Und weiter: „Auf der viel befahrenen Straße Unter den Eichen ist ein Zulassen des Radverkehrs auf der Fahrbahn ohne Schutzmaßnahmen nicht zu verantworten, weshalb der Radweg benutzungspflichtig war. Nach Feststellung der zentralen Straßenverkehrsbehörde war die für den baulichen Radweg angeordnete Benutzungspflicht auf dem Streckenstück nicht weiter hinnehmbar, bzw. verkehrsrechtlich zulässig.“ So fasst es die Pressestelle der Verkehrsverwaltung heute zusammen.   [caption id="attachment_104265" align="aligncenter" width="622"] Klare Sache: Radweg kaputt. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]   Wer sich vor vier Jahren um die Sicherheit der Fußgänger und Radfahrer in diesem Gebiet sorgte, hätte eigentlich den Blick auf den Hindenburgdamm lenken müssen. Wer dort mit dem Rad zwischen Gardeschützenweg und Drakestraße unterwegs ist, fährt nicht nur durchgehend auf einem schmalen und kaputten Streifen, der zwischendurch auch mal komplett fehlt. Radfahrer müssen jederzeit mit unberechenbaren Hunden, Kindern und unvorsichtigen Erwachsenen rechnen. Baugerüste rechts, Straßenbaustellen links. Einzelhandel, Dienstleister und Bushaltestellen – mit jeder Menge Publikumsverkehr. Das Anliegen, auf dem Hindenburgdamm eine Bus- und Radspur einzurichten, stand sogar kurz vor der Umsetzung. Der Plan einer Busspur zwischen Klingsorstraße und Gelieustraße wurde 2024 wegen rechtlicher Bedenken zurückgestellt, aber nach der dafür notwendigen und vollzogenen Änderung der Straßenverkehrsordnung nicht wieder aufgenommen. Auf dieser Strecke verkehren drei Buslinien  – an der gut 600 Meter langen Radwegeanlage Unter den Eichen fährt nur eine Buslinie, die M48.   [caption id="attachment_104264" align="aligncenter" width="622"] Doch keine klare Sache: Schadstellen lassen sich problemlos umfahren. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]   Zurück also an den Botanischen Garten, an dessen Zaun entlang sich der außer Betrieb gesetzte Geh- und Radweg befindet. Fußgänger sind hier fast nicht anzutreffen, und vereinzelt kann man hier Radfahrer beobachten. Letztere finden hier weitaus bessere Bedingungen als am Hindenburgdamm. Der Weg ist gut befahrbar, und schadhafte Stellen lassen sich auf dem menschenleeren Fußweg gut umfahren. Das sieht mittlerweile auch die Senatsverkehrsverwaltung so. Der Fußverkehr sei „überschaubar“, begründet sie ihre Volte, und damit sei genug Platz für Radfahrer. Diese Sichtweise kommt nicht gut an. Der zur Umsetzung verpflichtete Bezirksstadtrat Urban Aykal (Grüne) gibt sich empört, die Anordnung des gemeinsamen Geh- und Radweges sei „sehr fragwürdig“. Der Bezirk habe Ende April 2026 im Rahmen einer Anhörung eine ausführliche Stellungnahme abgegeben. „Unsere darin fundiert begründeten Bedenken werden weggewischt“, so Aykal. Eine Nachfrage zur Einsicht in die Stellungnahme blieb ohne Antwort. Die Verkehrsverwaltung verweist auf die Frage nach den Gegenargumenten auf die Begründung der Weisung an den Bezirk, den Radweg Unter den Eichen zurückzubauen. Das Dokument bezieht sich ausschließlich auf die Bus- und Radspur. Wie eine Sanierung des Gehwegs, der nun wieder Radweg werden soll, ausgeführt werden soll, wird nicht thematisiert. „Mitunter“, heißt es in der Anordnung vom 29. Juli, gebe es aufgrund der „Einengung für die Radverkehrsanlage Höhe Botanischer Garten“, „Schwierigkeiten an der Kreuzung mit der BAB 103“. Die „Schwierigkeiten“ werden nicht näher benannt. Die „Stauwurzel“ an der Straßenkreuzung Am Fichtenberg ist laut Diagnose der Verwaltung die Mutter aller Probleme. Die beiden folgenden Fußgängerampeln am Begonien- und Asternplatz seien für die Überlastung nicht die Ursache. Neben der Behinderung des Busverkehrs wird die Situation an der Kreuzung Schloßstraße / Hindenburgdamm aufgezeigt, die durch Fehlverhalten der Autofahrer entsteht: Obwohl der Stau deutlich erkennbar ist, überfahren einige Fahrer die Ampel. In der Folge stehen die Autos auf der Kreuzung und auch auf der Fußgängerquerung. Der Knotenpunkt liegt auf den Schulwegen zahlreicher Kinder, die drei naheliegende Schulen besuchen.   Die Lösung ist für die Verkehrsverwaltung die Herstellung des ursprünglichen Zustandes, fast jedenfalls: Um auf die gesetzlich vorgeschriebene Breite von 2,50 Meter zu kommen, wird dem alten Radweg der Gehweg zugeschlagen. 1,75m Gehweg plus 80 bis 100cm Radweg – passt. Wo die Fußgänger dann laufen sollen, bleibt offen. Ob diese Linie vor Gericht Bestand hat, muss sich zeigen. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) hat bereits angekündigt, die geplante Abschaffung des Radwegs auf dem Rechtsweg zu stoppen. Die Organisation war bereits in einigen Berliner Verkehrsstreitsachen erfolgreich, zuletzt verhinderte die DUH die Abschaffung von Tempo 30 in der Albrechtstraße (die Stadtrand-Nachrichten berichteten). Die Berliner Fahrradlobby äußerte in teils drastischen Worten ihren Unmut. Von einem „Ausdruck völlig einseitiger ideologischer Verblendung“ sprach beispielsweise der Landesvorsitzende des VCD Nordost, Heiner von Marschall. Der Verein Changing Cities kritisiert: „Das sieht schwer nach Schein-Wahlkampfgeschenk an die autofahrende CDU-Klientel aus. Die CDU betreibt in Wahlzeiten Symbolpolitik gegen den Radverkehr, statt wirkliche Problemlösungen anzubieten.“ Der ADFC bilanziert: „Die Begründung und Argumentation rund um den angekündigten Rückbau zeigen ein erschreckendes Ausmaß an Unwissen und Ignoranz“; Eine vom ADFC initiierte Petition wurde seit Mai von rund 3600 Personen gezeichnet – was einerseits den Rückhalt für die Radfahrer deutlich werden lässt. Andererseits verzeichnet das Diskussionsforum dieser Online-Unterschriftensammlung eine bemerkenswerte Anzahl an Contra-Kommentaren, in denen sich verärgerte Autofahrer zu Wort melden. Das Thema polarisiert, der Frust ist auf beiden Seiten groß. Bleibt die letzte Frage: wie konnte das so eskalieren? Zum einen wurde Bettina Jarasch, deren „Flaniermeile“ auf der Friedrichstraße unvergessen ist, Populismus unterstellt. Tatsächlich sind die 600 Meter Radweg Unter den Eichen nicht Teil eines bestehenden Gesamtkonzepts, Radwege in Steglitz-Zehlendorf gleichen insgesamt einem Flickenteppich und enden nicht selten im Nichts. Möglicherweise geriet seinerzeit (2022) der Hindenburgdamm als sachlich begründbare Radverkehrstrasse aus dem Blick, weil hier bereits seit zwei Jahren eine Dauerbaustelle bestand. Dabei sind die Zustände hier katastrophal:    [ngg src="galleries" ids="392" display="basic_slideshow"]Hinzu kommen die Folgen einer weiteren verkehrspolitischen Entscheidung, die ebenfalls die Grüne Senatorin Jarasch zu vertreten hatte: Im April 2023 wurde der Schlangenbader Tunnel aus Sicherheitsgründen gesperrt. Autofahrer mit den Zielen Dahlem, Lichterfelde und Zehlendorf weichen zum Teil auf die A 103 aus, die am Kreisel endet. Wegen der Baustellen am Hindenburgdamm und zeitweise auch am Ostpreußendamm, in der Grunewaldstraße und anderen wichtigen Hauptverkehrsstraßen scheint es zeitsparender, die B1 zu nehmen und von dort aus in die Ortsteile zu gelangen. Die Zahlen im Berliner Geoportal zeigen im Bereich Unter den Eichen zwischen Grenzburgstraße und Am Fichtenberg eine hohe Verkehrsbelastung. Die Verkehrsmengenkarte 2019 gibt hier zwischen 32.100 und 37.000 Kfz innerhalb von 24 Stunden eines Werktages an (in beide Richtungen), wobei die große Schwankung nicht logisch erklärbar ist. Die Verkehrsmengenkarte 2023 belegt eine Zunahme des Verkehrs: auf dem gleichen Streckenabschnitt wurden in dieser Erhebung zwischen 38.800 und 39.500 Kfz gezählt. Naheliegend ist, dass die Zunahme mit dem Beginn der Bauarbeiten am Hindenburgdamm (ab 2020) zu tun hat. Die Folgen der Tunnelsperrung am Breitenbachplatz bilden sich in den zuletzt veröffentlichten Verkehrsmengendaten jedoch nicht ab, weil sie 2021 und 2022 erhoben wurden. Sehr wahrscheinlich ist, dass die Zahlen seit 2023 nochmals gestiegen sind. Das wird man aber erst sehen, wenn die Verkehrsmengenstudie 2028 veröffentlicht wird – mit den Daten aus 2026 und 2027. Der Berliner Trend ist eigentlich ein anderer. Die Zahl der Autos pro 1000 Einwohner sinkt, ebenso die Zahl der gefahrenen Kilometer. Vor diesem Hintergrund hätte die Verkehrsverwaltung einem Streckenabschnitt mit steigenden Verkehrszahlen und sich häufenden Beschwerden besondere Beachtung schenken müssen. Lange Zeit tat sich jedoch: nichts. Die Verkehrsverwaltung unter den CDU-Senatorinnen Manja Schreiner und Ute Bonde hat auf zunehmende Kritik erst in diesem Frühjahr reagiert – zeitlich auffallend parallel zur „Auto verbieten verboten“ – Kampagne der CDU Berlin. Die Umsetzungsanordnung kam dann im August, zu Beginn der „heißen“ Wahlkampfphase. Auch die Grünen im Bezirk werben derzeit um Stimmen, der Radweg Unter den Eichen ist eines Ihrer aktuellen Themen. Die Partei fordert beispielsweise „eine intelligente Ampelschaltung am Botanischen Garten oder eine flexible Nutzung der drei Fahrspuren – morgens zwei Spuren stadteinwärts und eine stadtauswärts, nachmittags umgekehrt“. Diese Idee wurde jedoch schon vor Baubeginn des Radstreifens, also unter der Grünen Senatorin Jarasch, verworfen, wie ein Sprecher der Verwaltung erklärt: „Im Rahmen einer Verkehrsanalyse wurde die Staubildung in Fahrtrichtung stadtauswärts untersucht. Die Überprüfung möglicher Anpassungen an Lichtsignalanlagen im weiteren Straßenzug, insbesondere am Birkbuschplatz und an der Kreuzung Schloßstraße / Braillestraße – Hindenburgdamm, hat ergeben, dass aufgrund der komplexen Steuerungsanforderungen (insbesondere ÖPNV-Beschleunigung und Knotengeometrie) keine wirksamen Maßnahmen zur Stauminderung möglich sind. Der Vorschlag, in der Straße Unter den Eichen in Höhe des Botanischen Gartens eine dynamische Fahrstreifenaufteilung einzubauen, wurde bereits vor Anordnung der Radverkehrsanlage auf der Straße hier geprüft. Eine nähere Betrachtung hatte gezeigt, dass es im Tagesverlauf keine wesentlich unterschiedlichen Lastrichtungen im Verkehrsaufkommen gibt. Insofern wurde eine solche Lösung verworfen.“ Die Bezirksgrünen erwecken in einem aktuellen Instagram-Video den Eindruck, nun stünden Baumfällungen an. Diese Behauptung ist mindestens irreführend. Auf Anfrage teilt die Verkehrsverwaltung dazu mit, dass im Rahmen der „grundhaften Erneuerung der B1 Baumfällungen nicht grundsätzlich ausgeschlossen“ werden könnten. Ein Zusammenhang mit dem Radstreifen bestehe jedoch nicht. Derweil wird bei Autofahrern und Radlern in der ganzen Stadt die Lunte kürzer. Möglicherweise liegt das an wenig faktenbasierten Diskussionen, die selten zu sachgerechten Lösungen führen.

Daniela von Treuenfels

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