Erotische Frauenskulpturen auf Friedhöfen

Erotische Frauenskulpturen auf Friedhöfen

Frauenskulptur auf dem Cimetière du Montparnasse, Foto: Yvonne „Semiramis“ Schwarz

 

Eine doch eher unbequeme Thematik in Verbindung mit Erotik zu setzen, klingt erst einmal wie ein Widerspruch und führt bei manch einem sogar zu Stirnrunzeln. Doch hat dieser Gegensatz eine lange Tradition. Skulpturen junger entblößter Weiblichkeit zieren an Friedhöfen so manches Grab. Statuen junger weiblicher Figuren sind nicht nur ein Trend des 19. Jahrhunderts – in Frankreich zieht sich diese Mode bis heute durch.

Was dem einen ein schauderhaftes Gefühl vermittelt, ist der Fotografin Yvonne Schwarz künstlerisches Gut. Sie lichtet vornehmlich Frauenskulpturen auf Pariser Friedhöfen wie den Père-Lachaise, Montmartre und Montparnasse ab. Dabei schafft sie es, einen neuen Blick auf die Grabeskultur europäischer Friedhöfe zu werfen. „Die Friedhöfe in Paris sind ein Ort des Lebens, weil die Menschen beispielsweise ihre Mittagspausen auf den Friedhöfen verbringen. Es sind grüne Oasen für die Franzosen. Auch als Platz für Jogger wird es genutzt“, beschreibt Politikwissenschaftler Dr. Maurice Schuhmann, seines Zeichens Pressesprecher von Frau Schwarz.

Aber worum geht es bei Yvonne Schwarz? Geboren und aufgewachsen in Berlin, nennt sie sich Semiramis. Basierend auf dem Theaterstück „Die Stühle“ von Eugene Ionesco, welcher passenderweise in Montparnasse begraben liegt. „Ich finde, so ein Künstlername ist praktisch, weil Semiramis über die Friedhöfe streift und Yvonne Schwarz die Hintergrundarbeit dafür macht“, erklärt die Künstlerin. Warum gerade Frauenskulpturen, mag sich nun der eine oder andere fragen. Dr. Maurice Schuhmann erläutert: „Wir haben seit dem Mittelalter in der christlichen Mythologie die Verbindung Weiblichkeit und Vergänglichkeit. Es ist bewusst gewählt, dass man Frauen darstellt, weil Frauen in der christlichen Ikonografie als Beispiele für Vergänglichkeit gelten. Das ist das, was diesen Reiz ausmacht, die Jugendlichkeit, die mit Lebendigkeit eingeht im Umkreis des Todes.“

Frauenskulptur auf dem Cimetière de Montmartre, Foto: Yvonne „Semiramis“ Schwarz

Schon mit acht Jahren war Yvonne Schwarz von Friedhöfen fasziniert, dabei war es nicht nur der Grusel, der sie reizte, sondern auch die Entspannung, die sich ausbreitet, wenn sie durch die Ruhestätten spaziert. Das mit den Fotos entwickelte sich erst im Laufe der Jahre. „Seit 2015 konzentriere ich mich da mehr drauf, habe aber lange nicht gedacht, dass jemand erotische Skulpturen auf Friedhöfen sehen möchte.“ Im Jahr 2016 erfolgte die erste Veröffentlichung im „Heimliche[n] Auge – Jahrbuch der Erotik“ von Claudia Gehrke und Uve Schmidt. Weiterhin erschienen die Werke von Yvonne Schwarz in diversen Zeitschriften wie „Der Rabe Ralf“, „Contraste“ und aktuell in Dr. Maurice Schuhmanns philosophischen Städteführer „Geistreiches Berlin und Potsdam“.

Im Oktober 2021 fand die erste Ausstellung unter dem Titel „Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan“ in der Novilla in Schönweide bei den Movingpoets Berlin statt. Bis vor Kurzem waren ihre Fotos auch im Nachbarschaftsladen des Stadtteilzentrum Steglitz in der Leonorenstraße zu besichtigen.

Frauenskulptur auf dem Cimetière de Montmartre, Foto: Yvonne „Semiramis“ Schwarz

Ab dem 7. März um 19.00 Uhr stellt Semiramis ihre Werke in der Vernissage „Zwischen ewiger Jugend und Vergänglichkeit. Frauendarstellungen auf französischen Friedhöfen“ im Haus für Menschenrechte und Demokratie aus. Dabei wird Dr. Maurice Schuhmann eine Eröffnungsrede halten, um auf die kulturgeschichtliche Einordnung der weiblichen Skulpturen einzugehen. Der Autor und Chansonpreisträger der DDR Stefan Körbel wird für die musikalische Untermalung sorgen.

Die Ausstellung läuft bis zum 30. April und kann werktags zu den Geschäftszeiten von 10.00 bis 17.00 Uhr besucht werden. Der Eintritt ist frei.

Haus der Demokratie und Menschenrechte
Greifswalder Straße 4
10405 Berlin
Tram M4 / Bus 142 oder 200: „Am Friedrichshain“

 

Sie interessieren sich für den philosophischen Städteführer?
Dann gerne klicken Sie hier: „Geistreiches Berlin und Potsdam

 

Michael Schaffhauser

 

 

 

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