
VT 605 017 des Advanced TrainLab auf der Fahrt von Lichterfelde-West nach Schönow am 10. Februar-2021, Bild: AG Märkische Kleinbahn
Das Abgeordnetenhaus hat in seiner Sitzung am 14. Dezember den Weg für einen probeweisen Betrieb auf der Strecke der ehemaligen Goerzbahn freigegeben.
Zwischen dem Bahnhof Lichterfelde West und Schönow könnten ab 2024 wieder Züge fahren. Welche? „Da ist fast alles möglich: Straßenbahn, U-Bahn, S-Bahn oder die sogenannte Vollbahn, alle passen auf diese Schienen“, sagt der SPD-Abgeordnete Sven Heinemann. Er gehört zu einem Kreis von Parlamentariern, die das Projekt Goerzbahn für außerordentlich sinnvoll und zukunftsweisend halten.
Lichterfelde Süd sei ein „interessanter Stadtraum“, der in Bezug auf den öffentlichen Nahverkehr unterversorgt sei. Hier Schienen nicht zu nutzen, die bereits „gewidmet“ sind, also keine bauliche Genehmigung mehr brauchen, wäre nicht zu verantworten. Nun ist es an der Verkehrsverwaltung, ein Konzept zu beauftragen: Die Technische Universität oder andere Forschungseinrichtungen könnten innovative Ideen passend zu den Bedürfnissen der Nutzer und im Rahmen der technischen Möglichkeiten entwickeln.
Ginge es nach dem Willen der Verwaltung, gäbe es das Modellprojekt nicht. Die Strecke sei nicht wirtschaftlich zu betreiben, also komme sie für den Personenverkehr nicht in Frage – das war die Haltung der Behörde unter der Führung der Grünen Senatorin Bettina Jarasch und auch bis zuletzt mit der derzeitigen Chefin Manja Schreiner (CDU).
Papperlapapp, lässt sich hier Heinemann knapp zusammenfassen. Mit Leidenschaft in der Stimme spricht er am Telefon von „zahlreichen reaktivierten Strecken“, beispielgebenden Konzepten wie das Karlsruher Straßenbahnnetz oder unverzichtbare, aber wenig genutzte Linien wie die Buckower Kleinbahn oder die Bahn zur Woltersdorfer Schleuse.
Wer hat’s erfunden?
Auf die Frage, wer das Projekt Goerzbahn entscheidend vorangetrieben hat, antwortet der Kreuzberger SPD-Politiker: „Da will ich mich nicht mit fremden Federn schmücken, sprechen Sie unbedingt mit Christian Goiny“.
Goiny ist CDU-Abgeordneter mit einem Direktmandat aus dem Wahlkreis 3 in Lichterfelde West und Zehlendorf Süd. Der umtriebige gelernte Jurist blickt naturgemäß mit einem lokalkolorierten Auge auf das Projekt Goerzbahn. Er spricht am Telefon beispielsweise von möglichen Haltepunkten oder nötigen Ampelanlagen. Er sieht die wenigen Busverbindungen, deren Fahrzeuge täglich im Stau stehen und die Nöte der Anwohner und Betriebe, die dringend ein angemessenes Nahverkehrsangebot brauchen.
Eine Bahnverbindung zwischen Lichterfelde West und dem südlichen Stadtrand würde auch eine Stärkung des wissenschaftlich-kreativen Netzes des Bezirks Steglitz-Zehlendorf bedeuten. Goinys Gedanke: Via Schiene ließen sich der Forschungsstandort Dahlem und der südliche Stadtrand mit den Startups in der Goerzallee verbinden. Die Freie Universität und zahlreiche weitere wissenschaftlichen Einrichtungen bis hin zum neuen technologischen Innovationscampus Fubic, der gerade in Dahlem entsteht, rücken damit näher an das wachsende Gewerbegebiet in Schönow.
Alles klar jetzt? Nein.
Ist das nun der Startschuss für eine neue innovative Bahnverbindung im Berliner ÖPNV-Netz? Noch nicht ganz. Ein Testbetrieb, mehr nicht – sagt Matthias Kollatz. Ein Projekt zur Probe, das nach zwei Jahren, wenn der Betrieb sich nicht als wirtschaftlich erweist, beendet werden müsse. Der direkt gewählte SPD-Abgeordnete in Steglitz und Südende und ehemalige Berliner Finanzsenator ist mit dieser Haltung so etwas wie die „Spaßbremse“ im Wintermärchen. Mit grundsätzlichem Wohlwollen in der Telefonstimme widerspricht Kollatz Goiny auch in der wichtigen Frage der Finanzierung. Während Goiny von insgesamt 19 Millionen Euro bis 2027 ausgeht, spricht Kollatz nur von 9 Millionen für 2024 und 2025 bzw. von 10 Millionen für 2025 und 2026.
Freude in Schönow
Ob zwei Jahre, vier Jahre oder auf Dauer: die Freude über die kommende Investition in einen Versuch ist groß. „Wir begrüßen die Entscheidung über die Bereitstellung nicht unerheblicher Finanzmittel in den kommenden zwei Jahren für die Vorbereitung des ÖPNV und die Sicherung der Strecke für Testzwecke außerordentlich“, sagt der Vertreter des Betriebsleiters der AG Märkische Kleinbahn, Martin van der Veer. Der Verein betreibt im Lokschuppen des Bahnhofs Schönow ein Museum. „Wir knüpfen daran die Hoffnung auf gesicherten Fortbestand der Goerzbahn und des Eisenbahnmuseums an der Goerzallee.“
Auch Silvio Schobinger, Goerzwerk-Betreiber und Vorstandsvorsitzender des Netzwerkvereins Goerzallee e.V. ist begeistert. Der Unternehmer hatte im Frühjahr eine Petition initiiert, an der mehrere Betriebe des Goerzwerks beteiligt waren (wir berichteten). Ihr gemeinsames Problem ist die schlechte Anbindung mit öffentlichen Verkehrsmitteln.
Die Idee der Arbeitgeber und Mitarbeiter: „Ein elektrisch betriebener, autonom fahrender, „on demand“ nutzbarer Schienenbus könnte die knapp acht Kilometer-Strecke vom Rathaus Steglitz via S-Bhf. Lichterfelde West bis zur Goerzallee, bzw. die vom S-Bhf. Lichterfelde West rund drei Kilometer, in kurzer und gemessener Zeit erschließen und wieder Personen befördern. Eine adäquate und modernen urbanen Mobilitätskonzepten entsprechende Lösung, um auch Werktätige, die im Innenstadtbereich leben, an ihren Arbeitsplatz an der Goerzallee zu bringen.“
Das Anliegen könnte jetzt wenigstens getestet werden. Schobinger: „Wir dürfen uns freuen. Ein langer, beharrlicher Weg zeitigt seinen Erfolg. Dass dieses Projekt, das wir vorangetrieben haben, jetzt tatsächlich umgesetzt wird, ist einfach klasse. Ich kann es noch gar nicht so richtig fassen.“
Daniela von Treuenfels
Korrekturhinweis:
Christian Goiny legt Wert auf die Feststellung, dass es ihm primär um eine Verbesserung des ÖPNV-Angebotes geht. Ein innovatives Leuchtturmprojekt, wie wir es missverständlich formuliert hatten, habe er nicht im Sinn. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.
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Foto (bearbeitet): Daniela von Treuenfels[/caption]
Die Stadträtin stoppte eine Kinderbuch-Lesung, es folgte der Vorwurf der Zensur. Junge Leute trafen sich zum Protest, der mit einem Eklat endete.
Daniel Eliasson ist ein bisschen stolz – er hat den Anlass dafür geschaffen, dass sich an einem warmen Spätsommertag mehrheitlich junge Menschen auf dem Hermann-Ehlers-Platz versammeln, um friedlich gegen eine Entscheidung der Bezirksstadträtin Malgorzata Sijbrandi (CDU) zu demonstrieren. Als Bezirksverordneter nahm Eliasson Einsicht in die Akten, die aufzeigen, wie es zu bestimmten Entscheidungen der Stadträtin kam. „Ich habe das dann der Morgenpost gegeben“, sagt der Grünen-Politiker – wie man das halt so macht, wenn man ein Thema platzieren will.
Dass Eliasson wenige Minuten später das Mikrofon abgestellt wird und die beiden Versammlungsleiterinnen ihn mit Hilfe der Polizei zum Schweigen bringen werden, weiß der Kandidat für das Abgeordnetenhaus in diesem Moment noch nicht.
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Während er noch spricht, wird dem Grünen-Politiker Daniel Eliasson das Mikro abgedreht. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Aber der Reihe nach.
Zu Jahresbeginn plante die Stadtbibliothek zwei „interaktive Drag Performance Lesungen für Kinder“, die im Herbst stattfinden sollten. Dem Leiter des Fachbereichs war bewusst, „dass diese Art der Leseförderung diskutabel ist und sicherlich auch polarisiert“. So schrieb er es in einer Mail an seine Vorgesetzte Sijbrandij, die er angesichts der „Auswirkungen des letzten Drag-Auftritts“ einbinden wollte.
Hintergrund der Vorsicht sind Ereignisse rund um Drag-Künstlerinnen, die zufällig zeitlich nahezu parallel stattfanden und teilweise ein großes öffentliches Interesse hervorriefen. Im Oktober 2025 wurde bekannt, dass gegen die Berliner Dragqueen Jurassica Parka wegen des Verdachts auf Verbreitung von Kinderpornografie ermittelt wird. Dabei kam auch an die Öffentlichkeit, dass die seit 20 Jahren aktive Dragqueen bereits drei Jahre zuvor wegen Verbreitens pornografischer Schriften vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe verurteilt worden war. Für besondere Aufmerksamkeit sorgte im Berliner Südwesten die Tatsache, dass Jurassica Parka im August 2024 Teil des Drag-Festivals „Queens & Flowers“ im Botanischen Garten war. Die Veranstaltung beinhaltete ein Familienprogramm und eine Vorlesestunde mit Dragqueens, in das Parka jedoch nicht eingebunden war.
Im Auge des Orkans fand sich am 24. Oktober 2025 die Drag-Lesung "Wir lesen euch die Welt, wie sie euch gefällt" in der Steglitzer Ingeborg-Drewitz-Bibliothek. Eingeladen waren Kinder ab vier Jahren. "Die zauberhafte Königin Vicky Voyage und der sagenumwobene König Eric erzählen euch Märchen von Liebe und Toleranz", hieß es in der Ankündigung. "Taucht ein in farbenfrohe und magische Welten!"
Mitten im Sturm: Malgorzata Sijbrandij. Die 45jährige Juristin hatte ihr Amt erst am 15. Oktober angetreten.
Gefragt nach einer Wiederholung reagierte die Stadträtin ablehnend, ihre Haltung begründete sie ausführlich. „Schon bei der Drag-Lesung im letzten Jahr hat mich das Format nicht vollends überzeugt“, so die Dezernentin. Zudem trete die Künstlerin unter dem Namen „King Alexander the Dick“ auf, woran sich Kritiker stören könnten. Die Veranstaltung diene nicht vornehmlich der Leseförderung. Und angesichts der zu erwartenden „polarisierenden Begleitung“ sollten Kinder vor politischer Instrumentalisierung geschützt werden.
Die Korrespondenz der Dezernentin mit der Bibliotheksleitung ist mittlerweile öffentlich auf dem Portal „Frag den Staat“ einsehbar. Die Initiative setzt sich ein für transparentes staatliches Handeln und hilft Bürgerinnen und Bürgern bei Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz.
Das funktioniert nicht immer. Manchmal verweigern Behörden die Auskunft, manchmal mit fadenscheinigen Begründungen wie zu hoher Arbeitsbelastung. Teilweise werden auch hohe Gebühren verlangt, die abschreckend wirken (sollen). Insofern ist die
Die Regenbogenflagge weht über dem Hermann-Ehlers-Platz. Gegenüber befindet sich das Rathaus Steglitz und das Einkaufscenter "Das Schloss", in dem auch die Ingeborg-Drewitz-Bibliothek ihren Sitz hat. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
Auf dem Hermann-Ehlers-Platz hat am 31. August niemand Anteilnahme für eine Amtschefin, die im vergangenen Oktober erlebte, wie eine mediale Welle ihren Schreibtisch anzündete, an dem sie sich gerade einarbeitete. Im Gegenteil – einer der Vorwürfe lautet: Mit ihrer pauschalen Ablehnung stelle Malgorzata Sijbrandij die Dragszene unter Generalverdacht.
„Drag hat nichts mit Sexualität, Kink oder anderen für Kinder ungeeignete Themen zu tun“, sagt Drag Quing Cynna Moon, Quing ist eine Kombination aus Queen und King. Cynna Moon verortet sich also irgendwo zwischen den Geschlechtern, nutzt neutrale Pronomen und ist Sozialarbeiti:. Drag bedeute, sagt Moon, „mutig zu sich selbst zu stehen, und Menschen mit Respekt und Akzeptanz zu begegnen.“ Es sei „unsere Pflicht, Kinder mit Lebensrealitäten in Kontakt zu bringen, die vielleicht nicht ihre eigenen sind. Menschen anderer Herkunft, anderer Klasse, anderer körperlicher und geistiger Fähigkeiten – und eben auch Menschen verschiedener Sexualitäten, Genderidentitäten und Geschlechtsausdrücken.“ Moons kleine Performance findet Beifall unter den rund 50 Demoteilnehmern.
Franzi Groß von der Grünen Jugend sagt, Bibliotheken sollten auch queeren Jugendlichen einen sicheren Raum bieten: „Bibliotheken sollten für ihre Benutzer*innen einen Safe Space darstellen. Das kulturelle Angebot, das sie bieten sollte so vielfältig sein wie ihre Besucher*innen. Wo kommen wir denn da hin, wenn wir den Bibliotheken es nicht mehr selbst überlassen zu entscheiden, welche Veranstaltungen sie für angemessen halten?“
Mitglieder der linken Gruppierung "Pride Rebellion" sind unter den Teilnehmern der Demonstration. Niemand stört sich an ihrer Anwesenheit. | Foto: Daniela von Treuenfels[/caption]
In all der Aufregung blieb die Anwesenheit einer antisemitischen queeren Gruppe unbemerkt oder geduldet, in jedem Fall jedoch unkommentiert. „Pride Rebellion“ engagiert sich gegen „Gewalt und Leugnung gegen LGBTI+ (Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche Personen)“. Im „Kampf gegen Heterosexismus“ müsse man sich zusammentun und verteidigen „gegen das System, das uns unterdrückt“.
„Als Pride Rebellion organisieren wir uns explizit unter jungen LGBTI+ Personen“, heißt es auf der Webseite. Die „Befreiung“ sei im Kapitalismus nicht möglich, daher brauche es den Klassenkampf und die „soziale Revolution“.
Pride Rebellion ist eine Gründung von „Young Struggle“ (YS), die seit 2010 bestehende international agierende Jugendorganisation der türkischen Marxistisch-Leninistischen Kommunistischen Partei (MLKP), die in der Türkei verboten ist (
Als Anwohner würde ich es sehr begrüßen, wenn diese Bahnstrecke etabliert wird. Die Anbindung mit der Buslinie 112 ist hinsichtlich der Zuverlässigkeit eine Katastrophe!
Die Anbindung des Standortes ist allgemein eine Katastrophe. Die Buse sind steht’s unpünktlich oder fallen komplett aus. Als Wirtschaftsstandort haben wir dadurch einen erheblichen Nachteil, da die Personalgewinnung extrem erschwert wird. Meine Strecke inkl. Schule dauert mit dem Auto 30 min. Mit dem Öffentlichen Verkehrsmittel dauert dieses 1:30 Stunden. Es muss sich etwas ändern.
Christian Goiny legt Wert darauf, dass es ihm „primär“ um die Verbesserung des ÖPNV ginge. Aber ein ÖPNV mit einem Takt von nicht unter 45 Minuten ist völlig unattraktiv. Mehr ist aber auf der eingleisigen Strecke gar nicht möglich. Was könnte also „sekundär“ das Interesse von Christian Goiny sein? Als Industriebahn wird die Strecke nicht mehr benötigt, es gibt dort keine „Industrieflächen“ mehr, die Transporte mit der Bahn erfordern könnten. Eine Bahnversuchsstrecke direkt an einer öffentlichen Straße gelegen ist es ja wohl auch nicht. Also bleibt eine „Subvention“ von 19 Millionen Euro für einen Kleinbahnverein? Der könnte auch auf das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs Lichterfelde-West umziehen.
Dann wäre endlich der Weg frei, die seit vielen Jahren geforderte Schulwegsicherheit über den Dahlemer Weg herzustellen. Auch ein ÖPNV auf dem Dahlemer Weg wäre möglich…