Südwestkirchhof – wo Pinselheinrich und Manfred Krug „geerdet“ sind

Südwestkirchhof – wo Pinselheinrich und Manfred Krug „geerdet“ sind

Yvonne Schwarz / Semiramis Photoart

 

„Nichts ist lebendiger als ein Friedhof.“ Vor den südwestlichen Toren Berlins, gleich hinter der Stadtgrenze bei Wannsee, erstreckt sich auf gut 200 Hektar einer der schönsten und größten Friedhöfe Europas – der Südwestkirchhof Stahnsdorf.

Entworfen wurde der 1909 eingeweihte Friedhof von Gustav Werner, einem Schüler des für die Gestaltung von Tiergarten und Pfaueninsel bekannten Gartenarchitekten Peter Joseph Lenné. Mittlerweile ist der Südwestkirchhof ein anerkanntes Naturdenkmal, in dem Garten- und Friedhofskunst eine Symbiose eingehen.

Spuren einer wechselvollen Geschichte

Von Interesse ist der Wald- und Parkfriedhof zum einen wegen der großen Zahl an Prominenten, die hier bestattet sind, zum anderen wegen seiner ökologischen Bedeutung. Ihre letzte Ruhestätte fanden hier zum Beispiel der Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau („Nosferatu“), der Schauspieler Manfred Krug, der Verleger Gustav Langenscheidt und der jüdische „Wahrsager“ Jan Erik Hanussen, auf dessen Aussagen sich führende NSDAP-Politiker bis einige Zeit nach der Machtergreifung 1933 verließen. Auch der Maler Heinrich Zille, der als Zugezogener das Berliner Milieu in seinen unvergleichlichen Bildern verewigte, die Unternehmerfamilie von Siemens oder der Botaniker Hugo Conwentz, der als Mitbegründer des Naturschutzes in Europa gilt, sind hier bestattet. Es gibt insgesamt elf Ehrengräber der Stadt Berlin auf dem Friedhof. Architektonisch besonders interessant ist das impressionistisch gestaltete Grab der Familie Wissinger, das leider nicht mehr vollständig erhalten ist. Eine ursprünglich im Zentrum des Grabes stehende Golem-Figur existiert nicht mehr.

Es liegen aber auch viele Namenlose hier – vor allem auf den integrierten Militärfriedhöfen „Cimitero Militare Italiano Guerra“ und „Berlin South Western Cemetery“, beide für Soldaten des Ersten Weltkriegs. Der letztere ist britisches Hoheitsgebiet und wurde schon mehrmals von Queen Elizabeth II. besucht.

Ebenfalls von Interesse ist das Feld der Umbettungen, ein Relikt der Pläne Albert Speers, Berlin zur nationalsozialistischen Metropole „Germania“ umzubauen. Von diesen Umbettungen war unter anderem der Alte St.- Matthäus-Kirchhof in Schöneberg betroffen. Mehrere Berliner Friedhöfe wurden vollständig nach Stahnsdorf umgebettet, um Platz für die geplante gigantomanische Reichshauptstadt zu schaffen. Die Zentrale Anlage für Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft hält die Erinnerung an jene schreckliche Zeit aufrecht.

Der artenreichste Friedhof

Doch der Südwestkirchhof ist bei Weitem kein trister Ort. Zahlreiche Vögel zwitschern, während ein Eichhörnchen den Weg kreuzt oder man entfernt Stimmen von Kindern hört, die an einem Schulprojekttag auf dem Friedhof teilnehmen. Bei einem Besuch versteht man sofort den Satz von Theodor Fontane: „Nichts ist lebendiger als ein Friedhof.“ Das Vorbild für Fontanes Romanheldin Effi Briest, Baronin Elisabeth von Plotho, liegt übrigens genauso hier begraben, wie der Sohn des Schriftstellers. Der zum Teil recht verwilderte Friedhof – viele Gräber sind völlig von der Vegetation verschluckt worden – bietet einer Vielzahl von Tieren und Pflanzen eine Heimat. Nachgewiesen sind über 500 Farn- und Blütenpflanzen, 73 Pilz-, 119 Moos- und 15 Säugetierarten. Der Südwestkirchhof ist damit der bundesweit artenreichste Friedhof. Auf seinem Areal stehen nicht weniger als 200.000 Bäume.

An den Friedhof grenzen noch zwei weitere an – der Friedhof Güterfelde, auf dem der Hauptdarsteller aus „Nosferatu“, Max Schreck, eine Gedenkstele hat, und der Wilmersdorfer Waldfriedhof, auf dem John Henry Mackay, der Anarchist und Begründer der homoerotischen Literaturtradition in Deutschland, beerdigt ist.

 

Yvonne Schwarz / Semiramis Photoart

 

Am besten etwas Zeit mitbringen

Die Anbindung an Berlin war ursprünglich durch eine eigene Bahnlinie zwischen Wannsee und Stahnsdorf gewährleistet. Der ehemalige Bahnhof ist mittlerweile eine Ruine, lediglich das einstige Bahnhofsrestaurant existiert heute noch – als Ausflugslokal Tick- Tack. Um den Friedhof zu erreichen, nimmt man den Bus 623, der unter anderem vom U-Bahnhof Oskar Helene- Heim oder vom S-Bahnhof Zehlendorf abfährt, in Richtung Stahnsdorf bis Haltestelle Bahnhofstraße oder Alte Potsdamer Landstraße. Für Besucher, die auf ein Auto angewiesen sind, steht eine begrenzte Anzahl von Parkplätzen zur Verfügung.

Der Friedhof – wie auch die beiden angrenzenden – bietet sich für einen zwei- bis dreistündigen Spaziergang an. Es ist eine schöne Park- und Friedhofsanlage, die so manches bereithält: alte, verwunschene Brunnen, Prominentengräber und Mausoleen, zu Grabsteinen verarbeite Findlinge wie den für Heinrich Zille sowie architektonische Spielereien. Neben der Kapelle im norwegischen Stabkirchen-Stil gibt es viele aufwendig gestaltete Grabanlagen. Allerdings verläuft man sich auch leicht auf dem Gelände, so dass man etwas Zeit mitbringen sollte.

Der Förderverein Südwestkirchhof Stahnsdorf bietet regelmäßig Friedhofsführungen sowie kulturelle Veranstaltungen an, zum Beispiel Musik- Literatur-Kunst-Aktionen. Mittlerweile sind es rund 70 Veranstaltungen im Jahr. Am Eingang des Friedhofs gibt es Audioguides zum Ausleihen.

Fotos: Yvonne Schwarz / Semiramis Photoart

Öffnungszeiten: Oktober und März 7-18 Uhr November bis Februar 8-17 Uhr April bis September 7-20 Uhr Weitere Informationen: www.suedwestkirchhof.de

Der Beitrag erschien ursprünglich in der Umweltzeitung Rabe Ralf.

 

 

 

Dr. Maurice Schuhmann
Website: https://www.maurice-schuhmann.de
Autorenseite bei FB: https://www.facebook.com/Dr.phil.Schuhmann
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Anm. d. Red.
Dr. Schuhmann ist promovierter Politikwissenschaftler
und Autor des philosophiegeschichtlichen Städteführers
Geistreiches Berlin und Potsdam“ (Bäßler Verlag 2021).

Der Städteführer ist erhältlich über:
https://www.baesslerverlag.de/p/geistreiches-berlin-und-potsdam

 

 

 

 

 

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