Symbolbild: Adobe Stock

Ein Spaziergang durch die Stadt, eine Fahrt mit dem Zug oder der U-Bahn beweist: Obdachlosigkeit gehört zum Berliner Straßenbild. Eine genaue Anzahl der Obdachlosen zu ermitteln, ist schwer, da oft nur die Wohnungslosen gezählt werden, die Hilfsangebote nutzen. Verschiedenen Schätzungen zufolge, könnten jedoch bis zu 10.000 Menschen betroffen sein. Diese Zahl mag einige erschrecken. Andere wiederum glauben, dass in einem reichen, demokratischen Sozialstaat wie Deutschland, solch eine Statistik lediglich durch das Eigenverschulden der obdachlosen Menschen zustande kommt. Gespräche mit verschiedenen Obdachlosen zeigen aber: Die Schicksale der Menschen sind so unterschiedlich wie die Gründe, warum eine Person auf der Straße lebt.

„Ich hatte eine schöne Wohnung und ein schönes Auto.“, sagt Andreas, der gerade dabei ist, das Straßenmagazin „Motz“ zu verkaufen. Er wurde vor vier Jahren obdachlos, nachdem er sich von seiner Frau trennte und ihr und dem Kind die Wohnung überließ. Zunächst kam er bei einem Kollegen unter, arbeitete weiter als Gerüstbauer. Bald verlor er jedoch die Unterkunft und konnte auch nicht mehr arbeiten. Gründe waren unter anderem die psychische Belastung durch die Trennung sowie seine Heroinsucht. Das Suchtproblem ist Andreas‘ Aussage nach die Folge seiner schwerer Kindheit. Der Vater war Alkoholiker und schlug die anderen Familienmitglieder regelmäßig. Als Andreas es nicht mehr aushielt, meldete er sich selbst im Kinderheim an. Beeinflusst von den anderen Kindern begann er Alkohol zu trinken und setzte sich mit 12 Jahren den ersten Schuss.

Aus psychologischer Sicht ist sein Verhalten nachvollziehbar. Wenn das Kind zu Hause keine Anerkennung bekommt, und in eine neue Umgebung gelangt, will es in der neuen Gruppe um jeden Preis akzeptiert werden, auch wenn dieser Preis Heroinkonsum ist.

Frauen auf der Straße

Silke ist 74 Jahre alt und hat 20 Jahre als Stationshilfe in einem Krankenhaus gearbeitet. Auf Grund ihrer Herzprobleme konnte sie ihrer Arbeit nicht mehr nachgehen. Als sich der Mietpreis für ihre Wohnung erhöhte, war sie nicht mehr in der Lage, diesen zu bezahlen. Sie möchte ohne staatliche oder ehrenamtliche Hilfe zurechtkommen und hält sich durch Betteln, das Sammeln von Pfandflaschen sowie den Verkauf der Zeitung „Motz“ über Wasser. Silke hatte das Glück, bei einem Bekannten wohnen zu können und sagt selbst aus, dass ein Leben auf der Straße für Frauen besonders gefährlich ist.

Laut einer Schätzung sind 2.500 Frauen in Berlin obdachlos (obdachlosinberlin.de). Der Grund dafür kann mitunter häusliche Gewalt sein. Doch auch auf der Straße besteht für Frauen die Gefahr, Opfer von Gewalt oder sexuellen Übergriffen zu werden. Um nicht auf der Straße schlafen zu müssen, lassen sich viele Frauen auf Zweckbeziehungen ein, in denen sie gegen Geschlechtsverkehr einen Schlafplatz erhalten. Patrik, der selbst vier Monate in Berlin obdachlos war, berichtet von Fällen, in denen junge Mädchen im frühen Teenageralter sich aus Angst vor Vergewaltigungen mit Männern zusammenschlossen, um nachts nicht auf der Straße allein zu sein. Jedoch kommt es häufig vor, dass der Mann, der das Mädchen beschützen soll, dann derjenige ist, der es vergewaltigt. Und es ist nicht auszuschließen, dass sexuelle Übergriffe auch in Notunterkünften stattfinden. Laut der Internetseite obdachlosinberlin.de, bevorzugen die meisten Frauen reine Fraueneinrichtungen. Aber nur wenige Einrichtungen für weibliche Obdachlose haben das ganze Jahr über geöffnet. Viele Frauen schaffen sich einen Hund an, um sich auf der Straße sicherer fühlen zu können.

Menschen aus Osteuropa

Einen Hund hat auch Adam. Nachdem Adams Familie bei einem Autounfall ums Leben kam, war das Tier alles, was ihm geblieben ist. Er ist Freund und täglicher Begleiter. Adam stammt aus der Slowakei und kam vor drei Jahren nach Deutschland. Er wollte eine Arbeit finden, aber alle Bemühungen scheiterten.

Laut obdachlosinberlin.de kommen ungefähr zwei Drittel der ausländischen Obdachlosen in Berlin aus dem osteuropäischen Raum. Ein Großteil von ihnen lebt und arbeitet schon längere Zeit in Deutschland. Witold Kaminski, Vorstand des Polnischen Sozialrats in Berlin-Kreuzberg, meint: „Wenn jemand Job und Partnerin gleichzeitig verliere und sich im deutschen Behördendschungel nicht gut auskenne, könne er schnell auf der Straße landen.“ (obdachlosinberlin.de). Eine Lösung sieht Kaminski in einer sofortigen Beratung der Menschen, sobald sie in Deutschland ankommen. Dies wäre auch für den Senat billiger. Laut Petra Schwaiger, die für das Projekt Frostschutzengel tätig ist, fehlen vielen Menschen die Kenntnis ihrer Rechte sowie ein soziales Netzwerk. Die meisten Osteuropäer kommen nach Berlin um zu arbeiten und prekären wirtschaftlichen Verhältnissen in der Heimat zu entkommen.

Was steht Obdachlosen zu?

Eine Kenntnis ihrer Rechte fehlt speziell Menschen, die nicht lesen und schreiben können. Ortrud Wohlwend, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit der Berliner Stadtmission, erklärt, wie Analphabetismus die Menschen auf die Straße bringt. Wenn die Person beispielsweise keine Steuererklärung schreiben kann, besteht die Gefahr, dass sie nachträglich Summen bezahlen muss, die so groß sind, dass das Geld nicht mehr für die Miete reicht. Wird einem Mieter die Wohnung gekündigt, schicken die meisten Bezirksämter einen Brief, in dem sie über die Räumungsklage informieren. Analphabeten, die den Brief nicht lesen können, werden vollkommen überrascht, wenn jemand plötzlich vor der Tür steht, um die Wohnung zu räumen. Dieses Szenario könnte man verhindern, wenn die Vertreter des Bezirksamts den Mieter persönlich über die Räumungsklage informieren würden.

Wie aber wird den Menschen geholfen, die bereits ohne Unterkunft sind? In Berlin gibt es mehr als 100 Einrichtungen, in denen die Obdachlosen kostenlos essen können. Es beteiligen sich Notunterkünfte, Kirchen sowie Lebensmittelausgaben wie die Berliner Tafel. Aber nicht nur das Essen ist ein Grundrecht, auch schlafen muss jeder Mensch. Eine Nacht auf der Straße ist nicht nur unbequem, sondern mitunter sogar gefährlich oder lebensgefährlich. Jeden Winter erfrieren Obdachlose. Und nur die verschiedenen Notunterkünfte der Kältehilfe verhindern, dass es noch mehr werden.

Obdachlos im Winter

Die Kältenotübernachtung der Berliner Stadtmission hat jedes Jahr vom 1. November bis zum 31. März geöffnet. Ortrud Wohlwend, Leiterin der Öffentlichkeitsarbeit, macht deutlich, dass alle Obdachlosen, die abends in der Stadtmission ankommen, als Gäste empfangen werden. Die Menschen, die die Hilfe der Berliner Stadtmission in Anspruch nehmen, sollen spüren, dass sie willkommen sind und ohne Wertung angenommen werden. Auch wenn die Gäste unter einer Sucht leiden, sei es wichtig zu verstehen, dass es nicht einfach ist, sein Verhalten zu ändern.

Und nicht nur das Beispiel von Andreas beweist dies. Auch Patrik war viele Jahre von Marihuana abhängig. Und auch er wurde durch eine schwierige Kindheit geprägt. Gewalt und Drogen gehörten zum Familienleben. Als Patrik dann in eine eigene Wohnung zog, war er mit dem Abitur und dem Job mehr als ausgelastet. Um sich in seiner knapp bemessenen Freizeit zu entspannen, fing er an zu kiffen. Er brach sein Abitur ab und auch eine später angefangene Ausbildung konnte er nicht beenden. Eine Weile lebte er bei seiner Mutter, dann mit Bekannten in einer WG und bei der Freundin. Konflikte sorgten jedoch dafür, dass er auf einmal keine Unterkunft mehr hatte. Um die Nacht nicht auf der Straße verbringen zu müssen, fragte er alle Bewohner eines Mehrfamilienhauses, ob er in ihrem Hausflur schlafen dürfe. Schließlich richtete er sich im Dachstuhl ein. „Es war fast wie ein Zimmer, nur dass es kalt war.“, sagt der 27-Jährige heute. Als ihm die Idee kam, beim DRK eine Ausbildung zu machen, fand er die Motivation, mit dem Kiffen aufzuhören. Der Gedanke mag so naiv wie einfach sein, aber vielleicht braucht es gelegentlich einen Traum, eine Idee, eine klare Vision von dem, was man in der Zukunft machen möchte, um die Kraft zu finden, seinen Lebensstil zu ändern oder sogar eine Sucht zu bekämpfen. Ein Fakt ist, dass viele Obdachlose psychisch so am Boden sind, und so sehr unter Selbstzweifeln leiden, dass sie es nicht aus eigener Kraft schaffen, ihr Leben in die Hand zu nehmen. Obwohl Patrik rückfällig wurde und seine Ausbildung abbrechen musste, kämpfte er weiter gegen seine Sucht. Er macht eine Entwöhnungstherapie und ist nun clean. Bald möchte er eine neue Ausbildung anfangen. Eine Drogensucht ist eine Krankheit. Die Ursachen sind komplex und liegen oft in der Kindheit. Es ist nicht einfach, davon loszukommen. Möglich ist es aber doch, wie Patrik beweist.

Zurück in ein normales Leben

Laut Frau Wohlwend ist Drogenabhängigkeit tatsächlich ein Faktor, der den Menschen den Weg von der Straße zurück in ein normales Leben erschwert. Auch spielen psychische Probleme sowie die Einstellung zu sich selbst eine Rolle. Frau Wohlwend berichtet, dass ein großer Teil der Obdachlosen ohne Liebe aufgewachsen sei. „Sie fühlen sich nicht wert, ihr Leben in den Griff zu kriegen und für sich selbst zu kämpfen.“ Auch spiele es eine Rolle, wie lang der Mensch obdachlos ist, beziehungsweise wie lang er in normalen Verhältnissen gelebt habe. Frau Wohlwend berichtet von einem Analphabeten, der nach nur einer Woche der Obdachlosigkeit den Weg in ein normales Leben antrat.

Dabei half ihm das Übergangshaus der Berliner Stadtmission. In diesem können die Obdachlosen ein bis anderthalb Jahre wohnen. Jeder bekommt ein eigenes Zimmer, die Küche wird geteilt. Die Obdachlosen werden intensiv von Sozialarbeitern betreut, die ihnen bei der Lösung ihrer Probleme helfen. Die Gäste sollen dazu befähigt werden, wieder ein eigenständiges und selbstbestimmtes Leben führen zu können. Außerdem werden sie in eine eigene Wohnung vermittelt.

Zum Gelände der Berliner Stadtmission gehört auch eine Ambulanz, in der Menschen ohne Krankenversicherung medizinische Hilfe erhalten können. In der Kältenotübernachtung, die täglich ab 21 Uhr öffnet, erhalten die Gäste eine warme Mahlzeit, werden auf Wunsch medizinisch versorgt und können sich neu einkleiden. Dann besteht die Möglichkeit, in das Schlafhaus zu gehen. Am Morgen gibt es ab um sieben Uhr Frühstück, um acht Uhr müssen alle die Einrichtung verlassen. Zusätzlich gibt es vorher die Möglichkeit der Sozialberatung.

Leben auf der Straße

Was passiert aber, wenn es ein Mensch nicht schafft, aus eigener Kraft zu einer Notunterkunft zu gelangen? Nachdem 1994 ein Wohnungsloser ganz in der Nähe einer Notübernachtung erfror, waren Mitarbeitende der City-Station, einem Restaurant mit Beratungs- und Seelsorgeangebot, das zur Berliner Stadtmission gehört, schockiert. Sie setzten sich in der folgenden Nacht in den VW- Bus, um nach den Obdachlosen zu sehen. Die Idee des Kältebusses war geboren. Dieser fährt jeweils vom 1. November bis zum 31. März jede Nacht bis in die Morgenstunden durch Berlin, um Obdachlose aufzusuchen. Den Obdachlosen wird ein warmes Getränk oder ein Schlafsack angeboten. Außerdem besteht die Möglichkeit, den Bedürftigen in eine Notunterkunft zu bringen. Hierbei sind auch die Obdachlosen, die diesen Vorschlag ablehnen, froh, dass sich das Kältebus-Team ihnen zuwendet. Dabei ist der Dialog und die Zusammenarbeit mit den Berlinern wichtig. Wer in Berlin unterwegs ist und einen Obdachlosen sieht, dem es schlecht geht und der Hilfe braucht, sollte sich nicht davor scheuen, den Kältebus anzurufen. Wie aber findet man heraus, ob ein Obdachloser in einer Notlage ist oder nicht? Zunächst einmal sollte man achtsam durch die Straßen laufen und, so Frau Wohlwend, einen Obdachlosen, der hilflos oder durchgefroren wirkt, ansprechen. Eine kurze Frage nach dem Befinden reicht dabei völlig, aus und kann den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten.

Obdachlose unter uns

Dirk arbeitet, genauso wie Andreas und Silke, als Straßenmagazinverkäufer. Als ich ihn frage, welche Reaktion er sich von Passanten wünscht, hat er die gleiche Meinung wie Andreas. Selbst wenn der Passant dem Obdachlosen kein Geld gibt oder die Zeitung nicht kauft, wäre es schön, wenn er ihn als Teil der Gesellschaft akzeptiert. Laut Dirk, geben ihm viele Passanten zu verstehen, dass sie ihn für weniger wert halten als andere Menschen. Dies geschieht, wie Andreas erzählt, oft nur durch Gesten und Blicke. Ein neutrales Vorbeigehen oder sogar ein Lächeln macht also viel aus.

Obdachlosigkeit ist ein Problem, das ganz Berlin betrifft. Tonka Wojahn, Bezirksverordnete der Grünen, bestätigt den Bedarf an Notunterkünften im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, denn auch hier gibt es Obdachlose. „Die Menschen gehen ungern in andere Bezirke, da sie die dortige Infrastruktur nicht kennen.“, so Wojahn. Die meisten Notunterkünfte liegen jedoch in der Nähe der Stadtmitte und sind für Obdachlose aus den Randbezirken oft nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Für einen Wohnungslosen, erklärt Wojahn, könne eine Fahrt mit der Bahn jedoch schnell zum Verhängnis werden. Wenn er sich keine Fahrkarte leisten kann, muss er schwarzfahren. Wer erwischt wird, kann im Gefängnis landen, denn das Bußgeld ist für einen Obdachlosen nicht bezahlbar. Derzeit läuft im Berliner Senat eine Initiative zur Entkriminialisierung des Schwarzfahrens. Tonka Wojahn unterstützt die Einrichtung einer neuen Notunterkunft, die bald in Steglitz-Zehlendorf eröffnet wird. Sie befindet sich in der Bergstraße 4 und soll vom Deutschen Roten Kreuz betreut werden. Die Unterkunft wird eine Essensausgabe, Duschen sowie Übernachtungsmöglichkeiten beinhalten. Wie auch Ortrud Wohlwend, appelliert Tonka Wojahn an den Beobachtungssinn und an die Kommunikationsfähigkeit der Menschen. Gerade in der kalten Jahreszeit sei es wichtig, die Obdachlosen anzusprechen. Man könne sie fragen, ob sie wissen, wo die Notunterkünfte liegen. Es sei wichtig, dass die Menschen wissen, wo sie hingehen müssen, um sich vor der Kälte zu schützen. Die Zehlendorfer scheinen jedoch hilfsbereit zu sein. Tonka Wojahn berichtet, dass ein erheblicher Teil der Spenden für den Kältebus von den Zehlendorfern und Zehlendorferinnen komme.

(mh)

Bis 31. März ist der Kältebus unterwegs:

  • Kältebus 1: täglich unterwegs von 21:00 bis 03:00 Uhr
  • Kältebus 2: täglich unterwegs von 19:00 bis 01:00 Uhr

Spendenkonto Berliner Stadtmission:
IBAN: DE63 1002 0500 0003 1555 00
BIC: BFSWDE33BER
Bank für Sozialwirtschaft

Kontakt für Sachspenden:
Telefon 030-690 33-535

Mo., 9 – 12.30 Uhr, Do., 9-12 & 13-15 Uhr.